Wein degustieren klingt immer ein bisschen nach Prüfungssituation: Weisse Tischdecke, ernste Gesichter, jemand schwenkt das Glas und murmelt etwas von „schwarze Kirsche“ und du denkst dir: „Ähm… ich rieche… Wein?“
Entspann dich. Fehler gehören beim Degustieren genauso dazu wie Weinflecken zu weissen Hosen. Und das Beste: Die meisten dieser Fehler sind komplett unnötig und lassen sich mit ein paar einfachen Kniffen vermeiden.
Hier kommen fünf typische Fehler, die ich bei Degustationen immer wieder sehe (oder gesehen habe), und wie du sie ab heute ganz locker umschiffst.
Fehler 1: Deine Sinne sind im Off. Kaffee, Zigaretten, Zähneputzen & Parfum
Du stehst vor deinem Glas, schaust (auch) ernst, nimmst einen Schluck… und alles wirkt bitter oder kantig. Oder du riechst nur „irgendwas Frisches“, aber keine Weinaromen.
In den allermeisten Fällen ist nicht der Wein schuld, sondern das, was du kurz vorher getrunken, geraucht oder angesprüht hast.
Was den Mund ruiniert: Kaffee, Zigaretten, Zähneputzen
Alles, was direkt durch den Mund geht, beeinflusst zuerst Zunge und Gaumen, also das, was du schmeckst:
- Kaffee und Espresso legen einen kräftigen Film auf die Zunge, der feine Aromen überdeckt und bei vielen Weinen die Bitterstoffe in den Vordergrund schiebt.
- Zigaretten betäuben den Gaumen und lassen Weine härter, bitterer oder flacher wirken.
- Zähneputzen, vor allem mit sehr frischer Zahnpasta, kann Säure völlig überbetonen, plötzlich wirkt ein eigentlich harmonischer Wein nur noch sauer und unangenehm.
Ergebnis: Der Wein schmeckt „schräg“, obwohl mit ihm alles in Ordnung wäre, deine Geschmacksknospen sind einfach noch im falschen Film.
So machst du es besser:
- Ungefähr 2 Stunden vor dem Degustieren keinen Kaffee mehr trinken, nicht rauchen, keinen Chätschgumi kauen und die Zähne nicht direkt davor putzen.
- Wenn du doch frisch geputzt hast: Ein Glas Wasser trinken, kurz warten, dann erst an den Wein.
- Zwischen verschiedenen Weinen immer wieder Wasser trinken und, wenn nötig, ein Stück neutrales Brot essen, um den Mund zu neutralisieren.
Was die Nase blockiert: Parfum & Co.
Alles, was du dir auf die Haut sprühst oder schmierst, arbeitet direkt gegen das, was du riechen willst: den Wein.
- Parfum, Aftershave, stark duftende Handcreme oder Haarspray legen eine intensive Duftwolke um dich herum.
- Dein Gehirn ist so sehr mit dieser Duftwolke beschäftigt, dass die feinen Weinaromen im Glas schlicht auf der Strecke bleiben.
Besonders heikel ist das in kleinen Räumen oder wenn mehrere Personen stark parfümiert degustieren, dann riecht man zuerst alles Mögliche, aber kaum noch Wein.
So machst du es besser:
- Vor einer Degustation am besten kein Parfum/Aftershave nutzen.
- Hände möglichst ohne stark parfümierte Creme lassen, dein Glas wird in unmittelbarer Nähe sein.
- Für professionelle Degustationen gilt: immer neutral riechen als wie eine Parfümerie.
Kurz gesagt: Was in den Mund kommt, beeinflusst Geschmack und Bitterkeit; was du dir auf die Haut sprühst, klaut dir die Weinaromen in der Nase. Beides lässt sich mit ein bisschen Planung ganz leicht vermeiden und plötzlich ist im Glas viel mehr los, als du vorher dachtest.

Fehler 2: Falsche Reihenfolge. Wenn der Wein nach „nichts“ schmeckt.
Ein Klassiker bei privaten Degustationen: Man beginnt „mit dem Besten“, also mit dem schwersten, gereiften Rotwein und wundert sich danach, warum der zarte Weisswein so sauer und dünn wirkt.
Deine Geschmacksknospen sind nicht doof, aber sie sind leicht überfordert. Wenn du zuerst einen kräftigen, tanninreichen Rotwein degustierst, hat alles was danach kommt, es sauschwer: Der Eindruck im Mund ist noch da, die Zunge müde, und der arme leichte Wein muss direkt nach einem Schwergewicht in den Ring.
Merke dir für die Reihenfolge:
- hell vor dunkel: Weisswein → Rosé → Rotwein
- leicht vor kräftig: schlanke, frische Weine vor den „Muskelpaketen“
- trocken vor süss: erst die trockenen, am Schluss süssere Weine
- jung vor gereift: junge, frische Weine vor gereiften mit tertiären Aromen
So machst du es besser:
Stell dir deine Degustation wie eine Playlist vor: Du fängst ja auch nicht mit Heavy Metal an, wenn danach noch eine dezente Jazz-Ballade kommen soll.
Wenn du unsicher bist, sortiere zuerst nach Farbe, dann nach Alkoholgehalt/Intensität (Etikett hilft!) und stell süssere Weine ans Ende.
Fehler 3: Das Glas falsch nutzen. Handwärmer statt Weingenuss.
Weinglas ist Weinglas – Hauptsache irgendwas mit Stiel? Leider nein.
Es gibt zwei sehr beliebte Fehler:
1. Am Kelch anfassen
Das sieht zwar dramatisch aus, wenn man das Glas so richtig packt, ist aber aus zwei Gründen suboptimal:
- Du wärmst den Wein mit deiner Hand auf.
- Du hinterlässt Fingerabdrücke, und die Farbe wirkt im Glas weniger schön.
2. Farbe im falschen Licht beurteilen
Wein „gegen das Licht“ oder vor einem dunklen Hintergrund zu beurteilen, ist ungefähr so sinnvoll, wie im Keller nach deinem Sonnenbrand zu suchen. Du erkennst weder Klarheit noch Farbnuancen richtig.
So machst du es besser:
- Fasse das Glas am Stiel an. Da gehört die Hand hin. Punkt.
- Um die Farbe zu beurteilen, halte das Glas leicht schräg über einen weissen Untergrund (Serviette, Tischtuch, Blatt Papier). Und schau von oben herab rein.
- Füll das Glas nicht zu voll – maximal ein Drittel – so kannst du schwenken, ohne gleich den Tisch neu zu dekorieren.
Klingt pedantisch, macht aber in der Praxis einen erstaunlichen Unterschied und du wirkst nebenbei auch noch ziemlich professionell.
Fehler 4: „Schnell mal probieren“. Keine Zeit lassen.
Manchmal läuft eine Degustation so ab: Schluck – „Naja, geht so!“ – nächster Wein.
Das ist ungefähr so, als würdest du in einer Galerie im Laufschritt an jedem Bild vorbeirennen und hinterher sagen: „Kunst ist nicht meins.“
Wein braucht ein bisschen Zeit. Der erste Eindruck ist spannend, aber selten komplett. Viele Weine verändern sich innerhalb von ein paar Minuten im Glas, öffnen sich, zeigen andere Aromen, werden harmonischer.
So machst du es besser:
- Nimm dir mindestens zwei Schlucke Zeit, besser drei:
- Der erste ist zum Ankommen und Mund ausspülen, der darf ruhig noch etwas bitter wirken.
- Beim zweiten kannst du bewusst darauf achten, was im Mund passiert.
- Beim dritten weisst du dann, was dir der Wein erzählen will.
- Riech zwischendurch immer wieder ins Glas, auch nach dem ersten Schluck, oft zeigen sich neue Noten erst nach ein paar Minuten.
- Probier am leeren Glas zu riechen, also wenn du ausgetrunken hast. Da verstärken sich gewisse Aromen und du entdeckst plötzlich Dinge, die dir vorher entgangen sind.
Degustieren ist kein Wettrennen. Wenn du dir erlaubst, bei einem Wein mal ein bisschen länger zu bleiben, wird er dich oft mit einer Geschichte belohnen.
Fehler 5: Degustieren als Prüfung statt Spiel
Der vielleicht grösste Spassverderber ist die Idee, es gäbe eine „richtige“ Antwort.
Du hast ein Glas in der Hand, jemand fragt: „Und, was riechst du?“ und du denkst panisch: „Ich sage lieber nichts, bevor ich mich blamiere.“
Hier die befreiende Wahrheit: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Dein Geruchsgedächtnis ist so individuell wie dein Browser-Verlauf. Wenn dich ein Wein an nassen Kies, den Garten deiner Grossmutter oder den Schrank im Ferienhaus erinnert, wunderbar!
So machst du es besser:
- Sieh Degustieren als Spiel, nicht als Test. Du kannst nur gewinnen. Entweder entdeckst du etwas oder du weisst, was dir nicht gefällt.
- Denk in grossen Kategorien, bevor du dich verrennst:
- Riechst du eher Frucht, Blume, Gewürz, Erde, Holz?
- Ist der Wein eher frisch/knackig oder weich/schmelzig?
- Sprich laut aus was dir in den Sinn kommt, auch wenn es „grüner Apfel mit Zitrone“ oder „Keller nach Regen“ ist. Je mehr du das übst, desto klarer wird deine Wahrnehmung.
Wein soll dir Freude machen, nicht deinen Puls in die Höhe treiben.
Und jetzt du. Lust auf ein kleines Wein-Experiment?
Wenn du diese fünf Fehler im Hinterkopf behältst, bist du schon deutlich näher an einer „Profi-Degustation“ als du denkst. Ganz ohne komplizierte Fachbegriffe oder Angst vor dem nächsten Glas Wein.
Mein Vorschlag für dein nächstes Wine-Date mit dir selbst oder mit Freund:innen:
1. Such dir 3 Weine aus: die sich klar unterscheiden (z.B. ein frischer Weisswein, ein Rosé, ein leichter Rotwein).
2. Achte bewusst auf:
- Vorbereitung (keine Nasen- und Zungen-Killer)
- Reihenfolge (hell → dunkel, leicht → kräftig)
- Glas (am Stiel halten, weisser Untergrund)
- Zeit (zwei, drei Schlucke, zwischendurch riechen)
- Spiel (laut aussprechen, was dir einfällt).
Falls du jetzt richtig auf den Geschmack gekommen bist: In meinen ausführlichen Beiträgen zur Degustation und zu Aromen zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du deine Nase trainierst, Weine sicher beschreibst und typische Aromen immer schneller erkennst – ganz ohne Prüfungsstress, dafür mit umso mehr Genuss.
Du findest dort praktische Übungen, wie Wein richtig degustiert wird. Hier Teil I und hier Teil II
