Donnafugata: Wenn Wein zur Sprache wird – Im Gespräch mit Gabriella Favara

Donnafugata: Wenn Wein zur Sprache wird – Im Gespräch mit Gabriella Favara

Es gibt Weingüter, bei denen die Flaschen mehr sind als Behälter aus Glas. Darin sammeln sich Geschichten, Erinnerungen, Frauen- und Männerleben, verdichtet in ein Bouquet aus Frucht, Salz, Wind und Licht. Donnafugata ist so ein Ort.

Gabriella Favara gehört zur sechsten Generation dieser Familie. Ihre Grosseltern, Gabriella und Giacomo Rallo, haben Donnafugata zu dem gemacht, was heute wohl zu den bekanntesten Weingütern Siziliens zählt. Ein Haus, das Wein und Kunst mit einer seltenen Selbstverständlichkeit verbindet, immer mit viel Herz, Neugier und dem Mut, Eigenes zu wagen. Viele Familienmitglieder arbeiten bis heute im Betrieb, Donnafugata ist keine Marke, sie ist eine lebendige Familiengeschichte.

Für mich ist es ein grosses Geschenk, Gabriella als Gast zu haben und mit ihr über ihre Wurzeln, ihre Rolle in der Familie und natürlich über Wein zu sprechen. In unserem Gespräch geht es nicht nur um Etiketten und Rebsorten, sondern um Herkunft, Weiblichkeit, Mut und darum, wie man sein eigenes Lebensthema in die Welt trägt.

Der erste Schluck und die ersten Erinnerungen

Wenn wir Weinmenschen ehrlich sind, beginnt die Reise selten mit einer technischen Degustationsnotiz, sondern mit einem Gefühl. Mit einem Tisch, einer Person, einem Licht. So auch bei Gabriella. Wir sprechen darüber, wie sie als Kind zum ersten Mal bewusst mit Wein und der Kellerei ihrer Familie in Berührung kam, welche Bilder, Geräusche und Düfte sie bis heute begleiten. Welche Aromen sie heute, wenn sie ein Glas Donnafugata in der Hand hält, zurück in diese frühen Momente transportieren.

Ich teile im Gespräch auch eine Erinnerung aus meiner eigenen Familie, wie mir als Kind das funkelnde Rot im Kristallglas meines Grossvaters völlig den Kopf verdreht hat, lange bevor ich wusste, was Tannin ist. Diese persönlichen Geschichten sind der Boden, aus dem später unser Verständnis von Wein wächst.

Starke Frauen, die ein Weingut prägen

Donnafugata ist ohne die Frauen der Familie kaum zu denken. Gabriellas Mutter José und Grossmutter Gabriella haben das Weingut nicht nur mitgetragen, sondern geformt. Im Interview sprechen wir darüber, was sie Gabriella als junge Frau mitgegeben haben, innere Haltung, Durchhaltevermögen, ein eigenes Verständnis von Verantwortung und vielleicht auch die Freiheit, anders zu sein, als man es von einer „Winzerin aus Tradition“ erwarten würde.

Besonders berührend fand ich den Teil unseres Gesprächs, in dem wir über ihre Nonna sprechen. Ihre Lebensgeschichte führte von zuhause über Stationen wie Florenz und Genf, wo sie Gabriella’s Grossvater kennen lernte, bis nach Sizilien. Und man versteht: Hinter den poetischen Etiketten und den farbigen Labels stehen reale Frauenleben, Entscheidungen, Brüche und Neuanfänge.

Wir fragen uns, welche Weisheiten dieser Grossmutter Gabriella heute in ihrem Alltag trägt? Welche Sätze, welche Haltungen nimmt sie mit in ihre Rolle als Frau, als Familienmensch, als Teil eines Weinguts mit weltweiter Sichtbarkeit?

Der Schritt ins Familienweingut

Spannend ist auch die Frage, wann für Gabriella klar war, dass sie selbst Teil des Unternehmens werden will? War es ein schleichender Prozess oder ein klarer Moment? Im Gespräch geht es um diesen inneren Entscheidungsweg.

Gerade für Leserinnen und Leser, die selbst in Familienbetrieben arbeiten oder mit dem Gedanken spielen, in ein bestehendes Unternehmen einzusteigen, sind diese Einblicke besonders interessant. Denn hinter der Romantik eines Traditionsweinguts stecken auch Verantwortung, Komplexität und manchmal die Frage: Wer bin ich in diesem grossen Ganzen?

Wenn Wein zur Sprache wird: Kunst, Etiketten und Identität

Wer Donnafugata kennt, weiss, hier hört die Geschichte nicht im Keller auf. Die Etiketten, Illustrationen und Kompositionen um den Wein herum sind ein eigenes Universum. Im Interview sprechen wir darüber, wie eng Wein und Kunst bei Donnafugata miteinander verwoben sind und inwiefern das auch Gabriellas persönliche Geschichte erzählt.

Wie lässt sich Identität in Farben, Linien, Figuren übersetzen? Was bedeutet es, wenn ein Etikett nicht nur „schön“ ist, sondern eine Erzählung transportiert, die von Generationen, Landschaften, Frauen und Männern erzählt? Und wie bringt man all das in die Welt hinaus an Menschen, die vielleicht zum ersten Mal ein Glas Donnafugata in der Hand halten?

Wein, Gesundheit und Genuss: Was sagen wir den Skeptikern?

Ein Thema, das mich als Weinbloggerin immer wieder beschäftigt ist, wie reden wir übers Trinken in einer Zeit, in der viele Menschen verunsichert sind? Im Gespräch frage ich Gabriella, was sie Menschen antwortet, die sagen, sie trinken keinen Wein oder hätten Angst, weil „Wein ja ungesund sei“.

Es geht um Mass, Bewusstsein und Kultur, darum, dass Wein auch Teil einer Esskultur ist, die auf Qualität statt Quantität setzt. Um die Rolle von Bildung, Kontext und Eigenverantwortung und darum, dass ein Glas Wein nicht nur ein „Produkt“ ist, sondern eine Einladung, hinzuschmecken, zuzuhören und in Verbindung zu gehen.

Warum dieses Gespräch sich lohnt

Dieses Interview ist keine präzise Probe durch das Sortiment von Donnafugata. Es ist eine Begegnung mit einer Frau, die zwischen Vergangenheit und Zukunft steht. Tief verwurzelt in einer Familiengeschichte und gleichzeitig klar auf ihrem eigenen Weg. Wir sprechen über Frauenbilder, Mut, übers Älterwerden der Eltern und Grosseltern, über Verantwortung und über die Schönheit, wenn all das in ein Glas Wein passt.

Wenn du Lust hast, ein Weingut nicht nur über Daten und Fakten, sondern über Menschen kennenzulernen, dann ist dieses Gespräch für dich.

Im Video kannst du Gabriella sehen, hören und spüren und vielleicht schmeckst du beim nächsten Schluck Donnafugata ein bisschen mehr von der Geschichte dahinter.

Dazu im Glas bei Weinweib

Wenn du nach dem Interview Lust auf Donnafugata im eigenen Glas hast, findest du hier unsere  Degunotizen zu zwei Weinen:

Freitagsflasche: Donnafugata Floramundi – wo die Leichtigkeit tanzt

Freitagsflasche: Donnafugata Contesa dei Venti – Sizilien im Glas

Freitagsflasche: Guardia Svizzera Pontifica 1506 Vermentino aus der Toscana

Freitagsflasche: Guardia Svizzera Pontifica 1506 Vermentino aus der Toscana

Ist dir die Schweizer Garde ein Begriff? Tief in meinem Herzen hoffe ich das. Denn seit 1506 beschützen sie den Papst im Vatikan und dafür muss man wirklich kein Katholik sein, um das beeindruckend zu finden. Als stolze Schweizer finden wir, dass man die einfach kennen sollte.

Guardia Svizzera Pontificia Wein im Glas

Mit gerade mal 135 freiwilligen Schweizern – alle katholischen Glaubens – ist sie die kleinste Armee der Welt. Aber unterschätze sie nicht! Top trainiert, hochdiszipliniert und immer auf Zack. Ihre farbenprächtigen Uniformen sind nicht nur Tradition, sie stehen für Beständigkeit, Loyalität und eine Geschichte, die über 500 Jahre zurückreicht.

Was viele nicht wissen, diese Geschichte wird auch im Glas weitererzählt.

Die Tenuta San Giorgio in der Toskana, ist seit 2010 offizieller Weinlieferant der Päpstlichen Schweizergarde. Die Verbindung entstand mit dem Jahrgang 2005 ihres Ugolforte und passt fast schon poetisch gut. Der Namensgeber des Weinguts ist der Heilige Georg, Sinnbild für Mut, Tugend und den Sieg des Guten über das Böse. Werte, die auch die Garde seit Jahrhunderten verkörpert.

Seither entstehen hier Weine, die der Schweizergarde gewidmet sind, gedacht für offizielle Anlässe und besondere Momente. Keine Massenware, sondern flüssige Symbolik.

Und genau so eine Flasche steht heute im Fokus unserer Freitagsflasche. Fast eine Rarität, nicht gemacht für die breite Masse, sondern für Bedeutung.

Guardia Svizzera Pontificia 1506

Tenuta San Giorgio
Toscana IGT

Traubensorte: 100% Vermentino

Alkohol: 13%
Farbe: Strohgelb

Nase: Birne, Holunderblüten, Banane, grüne Chrosle, Zitrusfrüchte.
Mund: Frisch und strukturiert, zitronig und mineralisch. Klar, geradlinig, „senza fronzoli“. Und mit beeindruckender Persistenz. Ein Wein, der nach Küste ruft, nach Fisch, Meeresfrüchten, Apéro, jungem Pecorino und grünen Oliven.

IGT bedeutet übrigens „Indicazione Geografica Tipica“. Heisst konkret, die Trauben stammen aus der Region – hier Toscana – und der Winzer geniesst mehr Freiheit in der Stilistik, als bei einem DOC oder DOCG.

Vermentino ist vermutlich ein Verwandter der Malvasia und kam im Mittelalter aus Spanien nach Italien. Die Sorte liebt die Nähe zum Meer und genau das schmeckt man, Frische, Salz, Wind. Ein Wein, der jung getrunken werden will und genau darin glänzt.

Diese Geschichte ist seine

Dieser Vermentino ist kein lauter Wein. Er ist Haltung. Er steht im Glas wie ein Gardist im Dienst, aufrecht, klar, präsent. Sein Schimmer erinnert an den polierten Brustpanzer in der Sonne des Vatikans. Seine Frische ist präzise wie ein Kommando, seine Mineralität schnörkellos wie die Pflicht. Und dann setzt er Akzente, spitz, direkt, fast wie die Klinge einer Hellebarde.

Da ist jedoch auch die andere Seite, ruhig, kontrolliert, würdevoll. Kein Muskelspiel, kein Übertreiben. Einfach Präsenz. Genau wie im Gesicht eines Gardisten, freundlich, bestimmt, unerschütterlich. Ein Wein, der nicht gefallen will, sondern überzeugt. Der nicht laut ist, sondern bleibt.

Seit meinen 13 Jahren, die ich in der Toscana gelebt habe, bin ich ein grosser Vermentino-Fan. In der Schweiz habe ich lange keinen gefunden, der mein Herz wirklich erreicht. Bis jetzt.

Wenn du also noch nicht weisst, was Vermentino kann, tu dir selbst einen Gefallen und öffne diese Flasche. Du bekommst keine Interpretation. Du bekommst Charakter. Und vielleicht genau den Moment, in dem du diese Rebsorte verstehst.

Du findest ihn übrigens ganz unkompliziert bei Coop.

Und wie immer, habe ich einen Song für diesen Wein kreiert. Und dem

Guardia Svizzera Pontifica Vermentino gewidmet

Tonnellerie SOTHER – Barrique aus Schweizer Eiche

Tonnellerie SOTHER – Barrique aus Schweizer Eiche

Zu Besuch in der Tonnellerie SOTHER – Schweizer Barriques aus erster Hand

Es gibt Orte, an denen man sofort spürt, dass mit ganz viel Herzblut und Können gearbeitet wird. Genau so ein Ort ist die Tonnellerie SOTHER im waadtländischen Valeyres-sous-Rances, nur einen Steinwurf von unserem Zuhause entfernt.

Schon bevor wir nach Avenches gezogen sind, sind wir zufällig auf die Tonnellerie gestossen und wussten, irgendwann möchten wir dort ein Videointerview machen. Die Anfrage wurde wunderbar unkompliziert und schnell beantwortet und der Besuchstermin stand fest.

Rémi, der französische Tonnellier, führt uns durch seine Werkstatt und erklärt Schritt für Schritt, wie aus rohem Holz ein Fass wird. Von der Auswahl und Vorbereitung der Dauben über das Formen des Fasses bis hin zu den Arbeitsschritten, die normalerweise beim Toasten im Innern nötig sind. Auch wenn an diesem Tag kein Feuer brannte, wurde klar, wie viel Erfahrung, Körperarbeit und Feingefühl in jedem Handgriff steckt. Ein seltener Blick hinter die Kulissen einer Tonnellerie.

Und jetzt: Ein Glas Wein einschenken, zurücklehnen und mit uns die Tonnellerie SOTHER entdecken.

Und weil ein Barrique nicht nur in der Werkstatt spannend ist, sondern vor allem im Keller und im Glas, geht die Reise hier noch ein bisschen weiter.

Im Blogpost «Was passiert eigentlich im Barrique?» erzahle ich dir, was der Wein im Fass erlebt: wie er atmet, welche Aromen das Holz abgibt und warum Barrique nicht einfach nach Vanille schmeckt, sondern viel komplexer ist.

Freitagsflasche: young poets – AlldayRSÉ (Allday Rosé)

Freitagsflasche: young poets – AlldayRSÉ (Allday Rosé)

Kaum im Regal, haben wir eine Flasche der young poets Weine erwischt. Unser Coop in Avenches hatte allerdings nur den Rosé im Gestell. Ich wollte unbedingt einen davon degustieren – egal welchen – und so landete der AlldayRSÉ im Einkaufswagen. Das Resultat war überraschend anders, als erwartet.

Vieles am young-poets-Konzept finden wir ziemlich gelungen, die Etiketten mit ihren Wortspielereien, die Tatsache, dass ausschliesslich junge Winzer und Winzerinnen mit Können dahinterstehen und dass pro verkaufte Flasche ein Beitrag in die Förderung lesender Kinder fliesst.

AlldayRSÉ 2025 von young poet Henry Grosjean

Oeil de Perdrix | 100% Pinot Noir
Neuchâtel AOC

Alkohol: 13%
Farbe: Helles Apricot

Nase: Chrosle (Stachelbeere), Erdbeeren, Aprikosen, Holunderblüten, dazu ein Hauch Feige und etwas Honig.
Mund: Eine richtig schöne Säure, erfrischend fruchtig, mineralisch und erstaunlich lang anhaltend. Fast eine perlende Frische. Top zum Apéro und wir sind überzeugt, dass der Wein richtig viel „beissen“ kann. Ich würde ihn zum Beispiel sehr gern zu einem guten Vitello tonnato probieren, Serge eher zu einem Rindstatar.

Ein mega fröhlicher Wein von der Neuenburger Côte, also aus der Westschweiz, wo das savoir vivre gang und gäbe ist, super spürbar im Glas. Wir haben ihn unter anderem gekauft, um ihn auf Herz und Nieren zu testen: Ist das nur ein witziger Marketinggag oder kann der wirklich etwas? Und? Der kann extrem viel! Rosé-Skeptiker aufgepasst: greift zu und lasst nichts anbrennen.

young poets AlldayRSÉ - Allday Rosé 2025. Kein Marketinggag.

Erinnerungen im Glas

Irgendwie erinnert er mich an die viereckigen Hochzeitstäfeli aus meiner Kindheit, die es jeweils gab, wenn in der reformierten Kirche im Quartier eine Hochzeit stattfand. Wir Kinder standen damals immer schon lange vorher Spalier, nervös und voller Vorfreude, nur um ein paar dieser Täfeli zu ergattern.

Der AlldayRSÉ kommt poppig, jung und zeitgemäss daher. Frisch, für alle Jungen und alle, die im Herzen jung geblieben sind und einfach Spass haben wollen. Bravo!

Diese Geschichte ist seine:

Die Flasche selbst ist reines Storytelling, vom Schraubverschlussdeckel über die Vorderetikette bis zur Rückseite. Mit Herzfreude gemacht. Der Wein füllt die Lücken, die Pausen und belebt gute Gespräche.

Erinnerst du dich noch an den Vibe nach einem Sommergewitter? Nasser Asphalt, grosse Pfützen? So ungefähr fühlt sich dieser Wein an. Man hat ein Glas AlldayRSÉ in der Hand und hüpft lachend und jubelnd durch die Pfützen.

Einen Nachteil hat die Flasche allerdings: Sie ist viel zu schnell leer!

Was hinter young poets steckt

Young poets ist kein klassisches Weingut, sondern ein freches Weinlabel. Erfinder und Gründer ist Eliah Philipp Werner, der mit talentierten Jungwinzer und Jungwinzerinnen zusammenarbeitet. Die Idee: Weine, die unkompliziert Spass machen, aber von Menschen stammen, die ihr Handwerk wirklich beherrschen. Statt staubiger Tradition im Vordergrund gibt es Neugier, Experimentierfreude und ein zeitgemässes Verständnis von Genuss, ganz nach dem Geschmack eines Weinweibs.

Auffällig sind nicht nur die Namen und Etiketten mit ihren Wortspielen, sondern auch der Anspruch, Wein zugänglich zu machen, ohne dass man vorher ein Weinlexikon studieren muss. Die Flaschen sprechen eine Sprache, die man versteht, frech, direkt, mit Humor und viel Lust auf Storytelling. Genau dort trifft sich das young-poets-Konzept wunderbar mit meinem Weinweib-Ansatz: Wein ernst genug nehmen, um Qualität zu verlangen, aber sich selbst dabei bitte nicht zu ernst.

Obendrauf hat das Ganze noch eine soziale Note. Mit jeder Flasche wird die Leseförderung von Kindern unterstützt – young poets eben. So verbindet die Marke Genuss im Glas mit einem kleinen Beitrag dazu, dass die nächste Generation ihre eigene Poesie entdeckt. Für mich als Weinweib ist das die Sorte Projekt, bei der Marketing, Haltung, Inhalt und ein guter Schluck so zusammenkommen, dass man am Ende einfach nur sagen kann: passt.

Le song pour ça vin? Voilà:

6 Traubensorten: So liest du die Weinkarte entspannt

6 Traubensorten: So liest du die Weinkarte entspannt

Wenn im Restaurant die Weinkarte bei dir landet, schiebst du sie dann ganz schnell jemand anderem zu? Nach diesem Blogpost wirst du entspannt einen Wein aussuchen können, der zu dir passt. Denn mit diesen 6 Traubensorten lernst du, eine Weinkarte zu lesen, ohne Stress und Fachchinesisch.

Wenn die Weinkarte bei mir landet

Im Restaurant läuft es bei uns fast immer gleich ab. Die Weinkarte kommt, wer auch immer mit am Tisch sitzt reicht sie dann zu mir rüber und meint „Such uns bitte einen Wein aus.“

Ich mag das. Ich liebe es, mich durch Weinkarten zu lesen und im Kopf schon zu schmecken, was da im Glas landen könnte. Aber ich weiss, für viele ist so eine Karte eher ein kleiner Stresstest als ein Vergnügen. Wenn du wissen willst, wie ich überhaupt zu all dem gekommen bin, erzähle ich dir hier mehr über mich und Weinweib.

Vielleicht kennst du das Gefühl ja: du siehst Namen, Zahlen, Regionen, aber so richtig weisst du nicht, wie sich das alles im Glas entfalten wird. Hier die gute Nachricht, du musst nicht hunderte Traubensorten auswendig kennen. Wenn du diese 6 einmal grob verstanden hast, kannst du im Alltag schon richtig gut mitreden und vor allem für dich selbst die richtigen Weine finden.

Warum Traubensorten dein Wein‑Navi sind

Die Traubensorte bildet den Grundcharakter eines Weins. Ob ein Wein eher frisch oder cremig ist, leicht oder kräftig, leise oder laut, all das hat sehr viel mit der Sorte zu tun.

Natürlich spielen auch Herkunft, Jahrgang und Ausbau eine Rolle. Aber wenn du ein paar Schlüsselrebsorten kennst, kommt dir eine Weinkarte plötzlich nicht mehr vor wie ein Fremdsprachen-Test, sondern wie ein Treffen mit bekannten Charakteren.

Denk die Sorten ruhig wie Musikrichtungen:

  • Du musst nicht jede Band kennen.
  • Es reicht, wenn du weisst, wie Rock, Jazz und Pop ungefähr klingen.
  • Genau so funktionieren Rebsorten.

Und wenn du noch tiefer in diese Musik‑Metapher eintauchen möchtest: In einem eigenen Beitrag habe ich schon einmal darüber geschrieben, wie Wein klingen könnte.

Lass uns also dein persönliches Wein‑Navi bauen. Mit sechs Traubensorten, die dir unglaublich oft begegnen werden. Wenn du generell noch unsicher bist, was dir eigentlich schmeckt, hilft dir dieser Beitrag weiter: Weingeschmack für Einsteiger.

1. Die Frische‑Königin: Riesling oder Sauvignon Blanc

Kurzcharakter: spritzig, wach, saftig.

Diese Weine sind deine Wachmacher im Glas.
Sie sind die spritzige Flöte im Orchester, klar, hell und fast ein wenig hibbelig.

So schmeckt das ungefähr:

  • In der Nase: Zitrus, grüner Apfel, manchmal etwas Kräutriges oder „Grünes“ (bei Sauvignon Blanc z.B. Johannisbeere, Stachelbeere/Chrosle, frisch gemähte Wiese).
  • Im Mund: Lebendige Säure, die dich wachkitzelt. Eher „knackig“ als „kuschelig“.

Für dich, wenn du:

  • keine breiten, schweren Weissweine magst,
  • es liebst, wenn Wein dir einen kleinen Energieschub gibt,
  • auch beim Essen auf frische Aromen stehst (Zitrone, Kräuter, knackiges Gemüse, Fisch, asiatische Küche).

Merksatz: Wenn du frisch, klar und lebendig im Glas willst, sind Traubensorten wie Riesling oder Sauvignon Blanc dein Team. Achtung kein Spätleseriesling wählen, der ist süss.

2. Die Genuss‑Queen: Chardonnay

Kurzcharakter: von elegant frisch bis cremig‑schmeichelnd.

Chardonnay ist ein echtes Chamäleon.
Sie kann schlank und zitrusfrisch daherkommen oder cremig und buttrig, mit Vanille und Toast vom Holzfass. Tönt ä chli widersprüchlich? Willkommen in der Welt des Chardonnays.

So kann sich das anfühlen:

  • In der Nase: Zitrus, Apfel, manchmal Steinfrüchte, bei Ausbau im Barrique kommt noch Vanille, Butter, Brioche dazu.
  • Im Mund: Mehr Körper, oft eine weichere Textur. Manchmal richtig „zum Kauen“.

Für dich, wenn du:

  • Brunch, Käseplättli und gemütliche Essen liebst,
  • dich mit etwas fülligeren Weissweinen wohler fühlst als mit superdünnen,
  • Wein gerne als „flüssigen Gang“ zum Essen siehst.

Mini‑Faustregel:

  • Schlagwörter wie „Barrique“ und „im Holz“, sowie bestimmte Herkunft (z.B. Burgund, Kalifornien) deuten eher auf die cremigere Variante hin.
  • Kühleres Klima, kein Holz erwähnt = meist schlanker, frischer Stil.

Merksatz: Wenn du Wein als kleine kulinarische Kuscheldecke magst, wirst du mit Chardonnay schnell warm.

3. Der Feingeist: Pinot Noir

Kurzcharakter: elegant, fein, sensibel.

Pinot Noir ist kein Muskelprotz, sondern der Feingeist unter den Rotweinen.
Er kann richtig viel erzählen, aber eher mit leisem Ton als mit der Holzhammermethode.

So schmeckt das ungefähr:

  • In der Nase: rote Früchte (Kirsche, Himbeere, Erdbeere), oft auch florale Noten oder ein Hauch Waldboden.
  • Im Mund: hellere Farbe, eher feine Tannine, elegante Struktur, manchmal leicht gekühlt am schönsten.

Für dich, wenn du:

  • Tannin‑Monster nicht magst, dir aber Rotwein prinzipiell sympathisch ist,
  • lieber Jazz als Heavy Metal hörst,
  • Leichtigkeit mit Tiefe spannender findest als maximalen Wumms.

Merksatz: Wenn du einen sensiblen, vielschichtigen Rotwein suchst, ohne viel Muskelspiel, dann ist Pinot Noir dein Verbündeter.

4. Die unkomplizierte beste Freundin: Merlot

Kurzcharakter: weich, rund, zum einfach Gernhaben.

Merlot ist der Wein, mit dem sich die meisten spontan wohlfühlen.
Kein grosses Drama, keine harten Kanten, einfach ein „Ohh, der ist aber fein“-Gefühl.

So schmeckt das ungefähr:

  • In der Nase: dunklere Früchte wie Pflaume, Kirsche, manchmal etwas Schokolade.
  • Im Mund: weich, rund, oft saftig, mit eher moderater Säure und sanfteren Tanninen.

Für dich, wenn du:

  • Wein zum auf dem Sofa abhängen, zu Pasta und Serienabenden suchst,
  • keine Lust auf anstrengende, kantige Weine hast,
  • „easy drinking“ innerlich mit „ja, bitte“ übersetzt.

Merksatz: Wenn du einfach einen netten, gutmütigen Rotwein willst, landest du sehr oft bei Merlot oder bei Cuvées, in denen er eine Hauptrolle spielt.

5. Der Klassiker mit Rückgrat: Cabernet Sauvignon

Kurzcharakter: strukturiert, kräftig, mit klaren Kanten.

Cabernet Sauvignon ist so etwas wie der Anzugträger unter den Rotweinen, gut strukturiert, manchmal ernsthaft, oft beeindruckend und definitiv nichts im Jogginghosen‑Modus.

So schmeckt das ungefähr:

  • In der Nase: Cassis, Kirsche, grüne Peperoni dazu je nach Ausbau Noten von Zedernholz, Tabak, Pfeffer, Lakritze.
  • Im Mund: deutliche Tannine (also „Gerbstoff‑Grip“ = pelzige Zunge), gute Struktur, eher fest als weich. Ein Wein, der dir das Gefühl geben kann: „Yes, hier ist was mit Rückgrat im Glas.“

Für dich, wenn du:

  • Rotweine mit Struktur und Biss spannend findest,
  • gern zu kräftigem Essen greifst (Steak, Grill, Schmorgerichte),
  • es magst, wenn ein Wein eher ernsthaft als „easy drinking“ ist.

Merksatz: Wenn du Klarheit, Struktur und Rückgrat im Rotwein suchst, wirst du bei Cabernet Sauvignon fündig. Oft solo oder als wichtiger Teil von Cuvées (zum Beispiel in klassischen Bordeaux‑Blends).

6. Die Drama‑Queen: Syrah / Shiraz

Kurzcharakter: intensiv, würzig, laut.

Syrah (oder Shiraz, je nach Region) ist nichts für schüchterne Momente.
Das sind Weine, die im Glas richtig mitreden wollen! Perfekt, wenn das Essen auch nicht auf leise gestellt ist.

So schmeckt das ungefähr:

  • In der Nase: dunkle Früchte, Pfeffer, Gewürze, manchmal etwas Rauch oder Speck.
  • Im Mund: mehr Tannin, mehr Power, mehr „Da passiert etwas“. Kein Wein, der sich brav im Hintergrund hält.

Für dich, wenn du:

  • Grill, Schmorgerichte und würzige Küche liebst,
  • gerne Weine hast, die Charakter zeigen und nicht everybody’s darling sind,
  • Lust auf ein bisschen Drama im Glas hast.

Merksatz: Wenn du Power, Würze und Präsenz willst, bist du bei Syrah / Shiraz ziemlich richtig.

So nutzt du diese 6 Traubensorten beim nächsten Restaurantbesuch

Zurück zur Weinkarte, welche dir jemand rüberschiebt mit dem Satz: „Such uns bitte einen Wein aus.“ Statt panisch nach dem günstigsten bekannten Namen zu scannen, kannst du dir kurz diese Fragen stellen:

Worauf habe ich Lust?

  • Frische‑Kick im Glas? → Frische‑Königin: Riesling / Sauvignon Blanc
  • Cremiger Genuss, gerne zum Essen? → Genuss‑Queen: Chardonnay
  • Eleganter Rotwein ohne Tanninprügel? → Feingeist: Pinot Noir
  • Unkomplizierter Kuschelrotwein für Sofa & Serienabend? → Beste Freundin: Merlot
  • Struktur und Rückgrat, eher „Seriosität im Glas“? → Klassiker mit Rückgrat: Cabernet Sauvignon
  • Würzige Power zu kräftigem Essen? → Drama‑Queen: Syrah / Shiraz

Was wird gegessen und wo sitzen wir gerade?

  • Aperitif auf der Terrasse → eher Frische‑Königin.
  • Gemütliches Essen mit mehreren Gängen → Genuss-Queen oder Feingeist.
  • Grillabend → Beste Freundin, Klassiker mit Rückgrat oder Drama‑Queen.

Wo tauchen diese Namen auf der Karte auf?

Manchmal steht die Sorte direkt drauf, manchmal versteckt sie sich in Regionen oder Cuvées. Je öfter du bewusst hinschaust, desto vertrauter werden dir diese Traubentypen und desto entspannter kannst du entscheiden. Und wenn nichts von der Traubensorte steht, frag das Servicepersonal, sie sollten dahingehend geschult sein, dass sie die Weine auf der Karte kennen und dir genau Auskunft geben können.

Du musst nicht alles wissen. Es reicht, wenn du ein paar Charaktere kennst und darauf vertraust, dass dein Geschmack dich leitet.

Und jetzt du: Welche Sorte bist du heute?

Bei uns wird die Weinkarte wohl weiterhin bei mir landen und ich mag das. Aber ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen sich selbst zutrauen, ihren Wein bewusst auszuwählen.

Zu welcher dieser sechs Sorten greifst du spontan am liebsten? Frische‑Königin, Genuss‑Queen, Feingeist, beste Freundin, Klassiker mit Rückgrat oder Drama‑Queen?

Und welche davon willst du als nächstes ganz bewusst ausprobieren?

Wenn du Lust hast, komm rüber auf Instagram auf @weinweib.ch und verrate mir dort in den Kommentaren, welcher „Traubentyp“ du bist. 

Vielleicht wird aus diesem Beitrag ja der Start von „Weinweibs kleiner Rebschule“.

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