Nach einer langen Sommerpause meldet sich das Weinweib wieder retour. Und zwar gleich mit einer Idee, wohin deine nächsten Ferien führen könnten. Fahr in die Vaucluse. Genauer gesagt nach Carpentras.
Carpentras ist kein Ort, der sich geschniegelt für Touristinnen und Touristen herausputzt. Zum Glück. Es ist ein Städtchen für Menschen, die dort leben, einkaufen, arbeiten, am Nachmittag ein Glas Wein oder Ricard trinken und am Abend mit Freunden essen gehen. Das merkt man bereits bei den Supermärkten. Es geht weiter bei den kleinen Läden, beim Markt (jeweils Freitags mit allerhand Leckereien, nicht zu verpassen!), bei den Restaurants und eigentlich überall dort, wo das Leben halt so stattfindet.
Wir sind für unsere Ferien im August mehr oder weniger zufällig in Carpentras gelandet und haben uns schockverliebt. Die Lage ist schlicht genial. Orange und Avignon sind je etwa 30 Minuten mit dem Auto entfernt, Châteauneuf-du-Pape liegt fast um die Ecke und der Mont Ventoux ist ebenfalls nicht weit. Du erinnerst dich bestimmt. Tour de France, Veloleute, dramatische Bilder von Menschen, die bei gefühlt 45° C einen krassen Berg hochstrampeln.
Carpentras liegt mitten in einer Gegend, in der hinter fast jeder Kurve Reben auftauchen. Gefühlt gibt es dort hundert Domaines, wahrscheinlich sind es noch viel mehr. Einige liegen rund um die Dentelles de Montmirail, diese markanten Kalkfelsen, die aussehen, als hätte jemand die Landschaft liebevoll zerknittert. Böden, Klima und Reben erzählen überall ihre ganz eigene Geschichte. Man muss eigentlich nur anhalten, aussteigen und zuhören. Oder ein Glas Wein bestellen. Geht auch.

Und noch etwas, das wir als Hundehalter natürlich besonders schön fanden. Die Franzosen sind generell unglaublich hundefreundlich. Klar, im Supermarkt müssen die Vierbeiner draussen bleiben. Das ist auch gut so, denn zwischen Baguettes, Käse und Rosé muss nicht zwingend noch eine nasse Hundenase auf Einkaufshöhe unterwegs sein. Ansonsten durften Carina und Bella überall mit. In kleine Geschäfte, auf Weingüter, in Restaurants und Cafés. Oft wurden sie nicht nur geduldet, sondern richtig herzlich begrüsst. Ein freundliches Lächeln, ein paar nette Worte und häufig stand auch sehr schnell ein Napf Wasser da.
Für uns war das herrlich entspannt. Kein ständiges Überlegen, ob man den Hund kurz im Auto lassen kann oder ob man abwechselnd irgendwo hineingehen muss. Einfach gemeinsam unterwegs sein, durch die Gassen schlendern, einkehren, degustieren und zwischendurch ein schattiges Plätzchen suchen. So sollten Ferien mit Hund sein.
Wein, Fragen und Kooperativen
Wir waren nochmals in Vacqueyras bei Rhonéa. Aus lauter Unwissenheit waren wir zuvor auch schon bei Rhonéa in Beaumes-de-Venise. Erst beim Besuch in Vacqueyras ist uns aufgefallen, dass es sich um denselben Betrieb handelt. Man könnte sagen, wir haben uns versehentlich selbst eine kleine Rhonéa-Rundreise zusammengestellt.
Freundlich waren sie wirklich alle. Unsere Hunde wurden herzlich willkommen geheissen, wir konnten in Ruhe degustieren und natürlich sind ein paar interessante Flaschen mit uns nach Hause gereist. Das gehört sich schliesslich so.
Etwas schwieriger wurde es, sobald ich mehr über einen Wein wissen wollte. Ich bin da vielleicht auch ein wenig mühsam, aber ich möchte halt wissen, wie ein Wein entstanden ist. Bei einem Rosé interessiert mich zum Beispiel, wie lange er Kontakt mit der Maische hatte. Nicht, weil ich beim Abendessen alle belehren möchte. Gut, vielleicht ein ganz klein wenig. Sondern weil genau solche Details erklären, weshalb ein Wein so schmeckt, riecht oder im Glas diese Farbe hat.
Die Antwort war freundlich, ehrlich und ungefähr so hilfreich wie ein Regenschirm mit Löchern. Keine Ahnung, da müsse man kurz nachfragen. Das Verkaufspersonal war sehr jung und offensichtlich darauf eingestellt, Kundinnen und Kunden ohne grosse Weinkenntnisse einen passenden Wein zu verkaufen. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Wein darf und soll unkompliziert sein. Aber wenn man ein wenig tiefer in die Materie eintauchen möchte, wird es dann doch schnell dünn.

Wir haben deshalb beschlossen, künftig wieder vermehrt einzelne Winzerinnen und Winzer zu besuchen. Dort, wo man nicht einfach eine Flasche kauft, sondern etwas über die Menschen, die Böden, die Reben, den Keller und die Arbeit dahinter erfährt. Die Weine sind oft noch eine Ecke spannender. Vielleicht ist der Empfang nicht ganz so schick wie in einem grossen Verkaufsraum einer Kooperative. Dafür riecht es nach Keller, Vergärung, Holz, Kartons und Arbeit. Und wenn man Glück hat, darf man in den Weinkeller schauen und bekommt noch viel mehr mit als an einer hübschen Degustationstheke.
Promesse No 9 und ein Glückstreffer
Unser persönliches Highlight war der Besuch bei der Domaine J&D in Caromb.
Wie das manchmal so geht, waren wir am Vortag in Carpentras im Cercle 85 zum Mittagessen. Ganz ehrlich dachte ich zuerst, das sei so etwas wie ein Circolo in Italien. Also ein Ort für Einheimische, bei dem Touristinnen und Touristen draussen bleiben und sich besser unauffällig verhalten. Ich war innerlich schon darauf vorbereitet, dass man uns freundlich aber bestimmt wieder Richtung Strasse begleitet.
Stattdessen winkte uns der Besitzer fröhlich zu und führte uns in einen grandiosen Innenhof. Es war tatsächlich ein Restaurant. Und was für eines. Klein, fein, sympathisch und mit einer Menükarte, bei der man nicht schon beim Lesen einschläft. Die ganze Crew war top, das Essen ein Traum und gleich zu Beginn wurden wir gefragt, ob jemand eine Allergie oder Unverträglichkeit habe. Da musste ich leider die Hand heben. Ich habe eine hochgradige Fructoseintoleranz und bin froh, dass ich Wein trinken und sogar Trauben essen kann. Letztere allerdings besser nicht auf nüchternen Magen, sonst wird es mit der Ferienromantik recht schnell vorbei sein. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zu meinem Steak hatte ich einen sensationellen Weisswein, den „Promesse No 9“ von Domaine J&D. So gut, dass ich nicht nur einmal auf das Etikett geschaut habe. Jérémy, äusserst sympathischer Besitzer vom Cercle 85 erzählte uns, wo das Weingut liegt. Also fuhren wir am nächsten Tag nach Caromb.

Ein Weingut mit Herz
Bei Domaine J&D begrüsste uns Didier Arocas. Ein richtig cooler Südfranzose, wie man ihn sich insgeheim vorstellt, nur ohne Klischee und mit deutlich mehr Weinwissen. Da ausser Serge und mir niemand im kleinen Verkaufsladen war, wurde gefachsimpelt, gefragt, degustiert und nochmals gefragt. Genau so liebe ich das. Kein Zeitdruck, keine vorbereitete Verkaufsshow und keine Antwort auswendig gelernt. Sondern ein Gespräch über Wein, über die Familie und über die Arbeit auf dem Weingut.
Wir hatten riesiges Glück und konnten uns die letzten fünf Flaschen des weissen „Promesse No 9„ sichern. Fünf. Die Zahl klingt im ersten Moment vernünftig, bis man später zu Hause vor dem Weinkühlschrank steht und merkt, dass das irgendwie ein paar Flaschen zu wenig sind.
Didier unterstützt heute seinen Sohn Julien in der Weinherstellung und hilft auch beim Verkauf mit. Tochter Evelynie kümmert sich um den Verkauf, Marketing und, wenn ich es richtig verstanden habe, ebenfalls um die Buchhaltung. Es ist ein Familienbetrieb, bei dem alle mit anpacken. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie die Tradition weiterführen wollen. Klein, fein und genau nach unserem Geschmack.
Über den „Promesse No 9“ wird es übrigens noch einen eigenen Blogpost geben. Versprochen. Der Wein hat das verdient.
Crillon-le-Brave und Bacchus
Wir fuhren weiter durch die Rebberge Richtung Mont Ventoux und stiessen auf Crillon-le-Brave. Ein bezauberndes Dorf, das allerdings stark von einer grossen Fünfsternehotelanlage geprägt ist. Inklusive Security, falls jemand auf die Idee kommen sollte, unerlaubt in die gepflegten Ferienwelten einzudringen.
Freundlich waren trotzdem alle. Wir schlenderten ein wenig durch das Dorf, schauten uns um und fanden leicht versteckt ein sehr gutes Restaurant mit erfreulich vernünftigen Preisen. Das allein ist in einer solchen Umgebung schon fast eine Sehenswürdigkeit.
Dazu kam dieser sensationelle Blick auf das Land und die Dentelles de Montmirail. Ein Glas Wein, gutes Essen, diese Landschaft und man ist sehr zufrieden mit seinem Leben.
Und dann steht auf dem Dorfplatz noch dieser Brunnen mit Bacchus und seinen Reben. Vom Alter und von vielen Sommern gezeichnet, ein wenig verwittert und gerade deshalb so schön. Nicht geschniegelt, einfach romantisch.

Carpentras und die Gegend rundherum können wir dir also sehr empfehlen. Für Ferien mit gutem Essen, herzlichen Begegnungen, viel Wein, kleinen Entdeckungen und der grossen Gefahr, dass du mit deutlich mehr Flaschen Wein heimfährst als ursprünglich geplant.
