Es gibt Weingüter, bei denen die Flaschen mehr sind als Behälter aus Glas. Darin sammeln sich Geschichten, Erinnerungen, Frauen- und Männerleben, verdichtet in ein Bouquet aus Frucht, Salz, Wind und Licht. Donnafugata ist so ein Ort.
Gabriella Favara gehört zur sechsten Generation dieser Familie. Ihre Grosseltern, Gabriella und Giacomo Rallo, haben Donnafugata zu dem gemacht, was heute wohl zu den bekanntesten Weingütern Siziliens zählt. Ein Haus, das Wein und Kunst mit einer seltenen Selbstverständlichkeit verbindet, immer mit viel Herz, Neugier und dem Mut, Eigenes zu wagen. Viele Familienmitglieder arbeiten bis heute im Betrieb, Donnafugata ist keine Marke, sie ist eine lebendige Familiengeschichte.
Für mich ist es ein grosses Geschenk, Gabriella als Gast zu haben und mit ihr über ihre Wurzeln, ihre Rolle in der Familie und natürlich über Wein zu sprechen. In unserem Gespräch geht es nicht nur um Etiketten und Rebsorten, sondern um Herkunft, Weiblichkeit, Mut und darum, wie man sein eigenes Lebensthema in die Welt trägt.
Der erste Schluck und die ersten Erinnerungen
Wenn wir Weinmenschen ehrlich sind, beginnt die Reise selten mit einer technischen Degustationsnotiz, sondern mit einem Gefühl. Mit einem Tisch, einer Person, einem Licht. So auch bei Gabriella. Wir sprechen darüber, wie sie als Kind zum ersten Mal bewusst mit Wein und der Kellerei ihrer Familie in Berührung kam, welche Bilder, Geräusche und Düfte sie bis heute begleiten. Welche Aromen sie heute, wenn sie ein Glas Donnafugata in der Hand hält, zurück in diese frühen Momente transportieren.
Ich teile im Gespräch auch eine Erinnerung aus meiner eigenen Familie, wie mir als Kind das funkelnde Rot im Kristallglas meines Grossvaters völlig den Kopf verdreht hat, lange bevor ich wusste, was Tannin ist. Diese persönlichen Geschichten sind der Boden, aus dem später unser Verständnis von Wein wächst.
Starke Frauen, die ein Weingut prägen
Donnafugata ist ohne die Frauen der Familie kaum zu denken. Gabriellas Mutter José und Grossmutter Gabriella haben das Weingut nicht nur mitgetragen, sondern geformt. Im Interview sprechen wir darüber, was sie Gabriella als junge Frau mitgegeben haben, innere Haltung, Durchhaltevermögen, ein eigenes Verständnis von Verantwortung und vielleicht auch die Freiheit, anders zu sein, als man es von einer „Winzerin aus Tradition“ erwarten würde.
Besonders berührend fand ich den Teil unseres Gesprächs, in dem wir über ihre Nonna sprechen. Ihre Lebensgeschichte führte von zuhause über Stationen wie Florenz und Genf, wo sie Gabriella’s Grossvater kennen lernte, bis nach Sizilien. Und man versteht: Hinter den poetischen Etiketten und den farbigen Labels stehen reale Frauenleben, Entscheidungen, Brüche und Neuanfänge.
Wir fragen uns, welche Weisheiten dieser Grossmutter Gabriella heute in ihrem Alltag trägt? Welche Sätze, welche Haltungen nimmt sie mit in ihre Rolle als Frau, als Familienmensch, als Teil eines Weinguts mit weltweiter Sichtbarkeit?
Der Schritt ins Familienweingut
Spannend ist auch die Frage, wann für Gabriella klar war, dass sie selbst Teil des Unternehmens werden will? War es ein schleichender Prozess oder ein klarer Moment? Im Gespräch geht es um diesen inneren Entscheidungsweg.
Gerade für Leserinnen und Leser, die selbst in Familienbetrieben arbeiten oder mit dem Gedanken spielen, in ein bestehendes Unternehmen einzusteigen, sind diese Einblicke besonders interessant. Denn hinter der Romantik eines Traditionsweinguts stecken auch Verantwortung, Komplexität und manchmal die Frage: Wer bin ich in diesem grossen Ganzen?
Wenn Wein zur Sprache wird: Kunst, Etiketten und Identität
Wer Donnafugata kennt, weiss, hier hört die Geschichte nicht im Keller auf. Die Etiketten, Illustrationen und Kompositionen um den Wein herum sind ein eigenes Universum. Im Interview sprechen wir darüber, wie eng Wein und Kunst bei Donnafugata miteinander verwoben sind und inwiefern das auch Gabriellas persönliche Geschichte erzählt.
Wie lässt sich Identität in Farben, Linien, Figuren übersetzen? Was bedeutet es, wenn ein Etikett nicht nur „schön“ ist, sondern eine Erzählung transportiert, die von Generationen, Landschaften, Frauen und Männern erzählt? Und wie bringt man all das in die Welt hinaus an Menschen, die vielleicht zum ersten Mal ein Glas Donnafugata in der Hand halten?
Wein, Gesundheit und Genuss: Was sagen wir den Skeptikern?
Ein Thema, das mich als Weinbloggerin immer wieder beschäftigt ist, wie reden wir übers Trinken in einer Zeit, in der viele Menschen verunsichert sind? Im Gespräch frage ich Gabriella, was sie Menschen antwortet, die sagen, sie trinken keinen Wein oder hätten Angst, weil „Wein ja ungesund sei“.
Es geht um Mass, Bewusstsein und Kultur, darum, dass Wein auch Teil einer Esskultur ist, die auf Qualität statt Quantität setzt. Um die Rolle von Bildung, Kontext und Eigenverantwortung und darum, dass ein Glas Wein nicht nur ein „Produkt“ ist, sondern eine Einladung, hinzuschmecken, zuzuhören und in Verbindung zu gehen.
Warum dieses Gespräch sich lohnt
Dieses Interview ist keine präzise Probe durch das Sortiment von Donnafugata. Es ist eine Begegnung mit einer Frau, die zwischen Vergangenheit und Zukunft steht. Tief verwurzelt in einer Familiengeschichte und gleichzeitig klar auf ihrem eigenen Weg. Wir sprechen über Frauenbilder, Mut, übers Älterwerden der Eltern und Grosseltern, über Verantwortung und über die Schönheit, wenn all das in ein Glas Wein passt.
Wenn du Lust hast, ein Weingut nicht nur über Daten und Fakten, sondern über Menschen kennenzulernen, dann ist dieses Gespräch für dich.
Im Video kannst du Gabriella sehen, hören und spüren und vielleicht schmeckst du beim nächsten Schluck Donnafugata ein bisschen mehr von der Geschichte dahinter.
Dazu im Glas bei Weinweib
Wenn du nach dem Interview Lust auf Donnafugata im eigenen Glas hast, findest du hier unsereDegunotizen zu zwei Weinen:
Zu Besuch in der Tonnellerie SOTHER – Schweizer Barriques aus erster Hand
Es gibt Orte, an denen man sofort spürt, dass mit ganz viel Herzblut und Können gearbeitet wird. Genau so ein Ort ist die Tonnellerie SOTHER im waadtländischen Valeyres-sous-Rances, nur einen Steinwurf von unserem Zuhause entfernt.
Schon bevor wir nach Avenches gezogen sind, sind wir zufällig auf die Tonnellerie gestossen und wussten, irgendwann möchten wir dort ein Videointerview machen. Die Anfrage wurde wunderbar unkompliziert und schnell beantwortet und der Besuchstermin stand fest.
Rémi, der französische Tonnellier, führt uns durch seine Werkstatt und erklärt Schritt für Schritt, wie aus rohem Holz ein Fass wird. Von der Auswahl und Vorbereitung der Dauben über das Formen des Fasses bis hin zu den Arbeitsschritten, die normalerweise beim Toasten im Innern nötig sind. Auch wenn an diesem Tag kein Feuer brannte, wurde klar, wie viel Erfahrung, Körperarbeit und Feingefühl in jedem Handgriff steckt. Ein seltener Blick hinter die Kulissen einer Tonnellerie.
Und jetzt: Ein Glas Wein einschenken, zurücklehnen und mit uns die Tonnellerie SOTHER entdecken.
Und weil ein Barrique nicht nur in der Werkstatt spannend ist, sondern vor allem im Keller und im Glas, geht die Reise hier noch ein bisschen weiter.
Im Blogpost «Was passiert eigentlich im Barrique?» erzahle ich dir, was der Wein im Fass erlebt: wie er atmet, welche Aromen das Holz abgibt und warum Barrique nicht einfach nach Vanille schmeckt, sondern viel komplexer ist.
Wine Date ist ein Anlass, den ich wirklich jedem ans Herz lege: egal ob eingefleischte Weinliebhaberin, ambitionierter Weinfreak oder einfach jemand, der Lust hat Wein ganz neu zu entdecken.
Kennengelernt habe ich die Frau hinter Wine Date – Christina Urhahn – übrigens auf der Pressereise nach Spanien. Schon damals erzählte sie mir begeistert von ihrem Projekt, das sie zusammen mit Sara Barth organisiert. Und als ich dann gesehen habe, dass ein Wine Date mitten in Luzern stattfindet war ich sofort Feuer und Flamme. Und das Beste: von Bern aus kommt man ganz entspannt mit dem Zug hin – perfekt für einen genussvollen Abend ohne Stress.
Das Wine Date fand in der Kornschütte statt – schöner geht’s kaum! Alles liebevoll und mit viel Herzblut organisiert. Die Atmosphäre war fröhlich, entspannt und sehr stimmig. Nebst den Degus gab’s herzhafte Käse/Fleischplättli, dazu eine Bubbles Bar. Wer mich kennt ahnt: mein Herz machte da ein paar Gümpli mehr.
Weine für jeden Geschmack
Coole Weine? Jawoll. Verrückte Weine? Absolut. Likörchen zum Abschluss? Ebenfalls da. Ganze 5½ Stunden (!) habe ich mir Zeit genommen um zu degustieren, plaudern, fragen und lernen. Die Winzerinnen und Winzer oder Fachhändler standen gleich selber hinter den Ständen. Da wird nicht nur eingeschenkt, da wird gefachsimpelt. Und ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind, einen Winzer wiederzutreffen, den ich seit 2019 nicht mehr gesehen hatte.
Spezialgast war der Stand von Garnacha Origen. Neben ein paar Degus ergab sich dort gleich eine spontane Mini-Foto-Session mit zwei super sympathischen Menschen, die mir als Models herhielten.
Mathias Müller & Martina Holzer beim Garnacha Stand. So härzegi!
Als halbe Heimwehtoskanerin konnte ich natürlich nicht anders: mein erster Halt war direkt bei Podere Colle Castagno. Serge Meyer präsentierte dort feine Tropfen, vom puristischen Naturwein aus der Tonamphore (ganz roh, ganz pur!) über klassischen Sangiovese und Syrah bis hin zum 100% Ciliegolo. Eine autochthone Sorte aus der Toskana, die längst nicht in jedem Glas landet. Alles als IGT deklariert – typisch toskanisch, gleichzeitig aber eigenständig und aufregend.
Dann zog es mich weiter nach Sizilien. Bei Di Giovanna – Wine, Liqueur, Gourmet – tauchte ich mit Markus von DiGiovanna in die sonnendurchfluteten Inselweine ein. Catarratto, Grillo und sogar Chardonnay transportierten mich sofort in die Hitze Siziliens: erfrischend, kräutrig, mit einem Hauch Meeresbrise. Bei den Rotweinen aus Nerello Mascalese und Nero d’Avola fühlte ich mich dann direkt in sandfarbene Städte und flirrende Sommerabende versetzt. Kleiner Tipp am Rande: Di Giovanna findet man an vielen grossen Wein-Events im Jahr – vom Zürcher Weinschiff über die OLMA bis hin zur BEA.
Und dann, mitten im Gewusel, entdeckte ich Christina Urhahn. Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt und sie kurzerhand für ein Mini-Interview entführt.
Zwischen Standgeplauder und Lieblingsflaschen
Lustig wurde es dann am Stand von O.H.O. Frank Oberli der Vater des Winzers erzählte mir in bester Zürimanier von den Weinen – charmant, direkt und mit viel Witz. Auf den Flaschen finden sich ebenso humorvolle Namen wie „Not made from Angelina and Brad“ für den Rosé oder „Wine, because no great ideas were created with a plate of salad“ (oder so ähnlich). Sein Stolz auf Sohn, Weine und die neu gekelterten Tropfen aus dem eigenen Weingut in Rumänien war kaum zu überhören.
Und dann kam der Moment, bei dem ich mich wirklich gefreut habe wie ein kleines Kind. Gleich nebenan stand Hoss Hauksson. Mein Mann Serge und ich haben ihn 2019 auf seinem Weingut in Rüfenach (AG) kennengelernt – der erste isländische Winzer! Seine Weine sind echte Charakterköpfe: Nischenprodukte, die voller Ideen stecken. Mein Highlight: der Hvitur Wermut, ein Wermut-Schaumwein. Das Prinzip dahinter? Im ersten Jahr wird der Basiswein vinifiziert, im zweiten Jahr sammelt Hoss alle Kräuter, die im Rebberg wachsen, von Wermut über Schafgarbe und Isop bis hin zu Holunderblüten. Dann kommt alles zusammen in die Flasche, wo es weitergärt. Ich war hin und weg! Wenn du Wein magst und Gin nicht abgeneigt bist, musst du das unbedingt probieren.
Auf meinem Degustationsrundgang machte ich dann noch kurz Halt bei Schindelholz Vins aus Dornach: spannende Rotweine fast aus aller Welt, direkt importiert von kleinen Weingütern. Bei der Gastregion Yvorne gab’s zum Abschluss noch drei Charakter-Chasselas ins Glas.
Natürlich habe ich längst nicht bei allen Ständen vorbeigeschaut – ich nehme mir einfach immer viel (zu viel) Zeit beim Degustieren. Aber glaub mir, es hätte noch richtig viele coole Entdeckungen gegeben.
Wie ich am Anfang schon gesagt habe: Wine Date ist ein Anlass, den ich dir wärmstens ans Herz lege. Nimm dir genügend Zeit und Musse, und geh an eines der nächsten Events. Es lohnt sich.
Zück deinen Kalender, die nächsten Wine Date-Tage dick anstreichen und dich auf ein Gläschen (oder zwei oder drei) in bester Gesellschaft freuen! Wine Date ist kein gewöhnlicher Event – es ist wie ein kleines Feriengefühl im Glas, direkt vor der Haustüre. Und wer weiss, vielleicht findest du deinen neuen Lieblingswein irgendwo zwischen einem feinen Plättli und einem spannenden Schwatz am Stand.
Einfach hingehen, ausprobieren, geniessen und für ein paar Stunden dem Alltag den Rücken kehren. Santé!
Am 27. Mai 2024 durfte ich mit Maurizio Lunetta, Direktor vom Etna DOC Konsortium, ein Videointerview für meinen Blog machen.
Ich habe versucht die Audioqualität zu verbessern, da meine neuen Mikrofone (noch) nicht ganz das tun, wie ich es gerne hätte. Dennoch hoffe ich, du magst reinschauen und dir die sehr interessanten Erklärungen von Maurizio anhören. Das Interview ist auf Italienisch, du kannst jedoch gewünschte Untertitel automatisch hinzufügen.
Für diejenigen, die das Interview lieber auf Deutsch lesen möchten, findet ihr hier eine grobe Abschrift.
Wie hat sich die Etna DOC Region von einer relativ unbekannten Gegend vor 20 Jahren zu einem der heutigen Trendsetter im Weinbau entwickelt?
Maurizio Lunetta: Die Etna DOC Region auf Sizilien bietet eine faszinierende Geschichte und eine bemerkenswerte Transformation im Weinbau. Ursprünglich 1968 gegründet, erlebte sie lange Zeit keine herausragende Anerkennung, bis ihre Potenziale Ende der 90er auch von aussenstehenden Weinschaffenden wiederentdeckt wurden. Die einzigartigen klimatischen Bedingungen, gekoppelt mit der Nähe zum Ätna-Vulkan, prägen die Weine auf eine ganz spezielle Weise. Die Hauptrebsorten sind «Carricante» für Weissweine und «Nerello Mascalese» für Rotweine, die beide die vulkanischen Merkmale in ihren Weinen verkörpern.
Die kleinparzellierte Struktur der Weinberge (sogenannte «Contrade») mit vielen Winzern, die oftmals weniger als einen Hektar bewirtschaften, trägt zur Vielfalt und zur individuellen Note der Region bei. Besonders interessant ist die Anbaumethode: 40% der Rebstöcke werden im traditionellen Albarello-System und 60% im Kordon-System erzogen, was ebenfalls zur Einzigartigkeit der Etna DOC Weine beiträgt.
Die ständige Bedrohung durch vulkanische Eruptionen und deren Folgen, wie Zerstörung und anschliessender Wiederaufbau, haben nicht nur die Landschaft, sondern auch die Resilienz der Winzer:innen geprägt. Diese Kombination aus passionierten Weinschaffenden, vulkanischem Boden, subkontinentalem Klima und mediterraner Sonne führt zu Weinen mit einer distinktiven Mineralität und salzigen Note, die durch die Nähe zum Meer verstärkt wird.
Etna DOC hat sich also als eine Region etabliert, die nicht nur durch ihre geographische Lage, sondern auch durch die kulturelle und visionäre Prägung ihrer Winzer:innen einzigartige Weine hervorbringt. Diese Charakteristika machen Etna DOC Weine besonders erkennbar und beliebt, was sie auf internationalen Märkten, wie dem Schweizer Markt, sehr erfolgreich macht.
Wie alt sind die ältesten Rebstöcke in Etna DOC?
Maurizio Lunetta: In der Etna DOC-Region gibt es tatsächlich einige der ältesten Rebstöcke auf Sizilien, die sogar bis zu 150 Jahre alt sind. Diese Langlebigkeit verdanken sie teilweise den vulkanischen, sandigen Böden des Ätnas, welche die Ausbreitung der Reblaus – einen Schädling, der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert viele europäische Weinberge zerstörte – erschwerten. Viele dieser alten Rebstöcke haben nicht nur die Reblausplage überstanden, sondern auch andere klimatische Herausforderungen und sind bis heute produktiv.
Die tiefen Wurzeln dieser alten Reben, die oft über 6 Meter in den Boden reichen, helfen den Pflanzen, auch in trockenen Perioden Feuchtigkeit zu erreichen. Dies führt zu einer besseren Widerstandsfähigkeit gegen Dürre und beeinflusst auch die Qualität des Weines. Alte Reben neigen dazu, konzentriertere und charaktervollere Weine zu produzieren, verglichen mit jüngeren Rebstöcken. Dies liegt daran, dass ältere Reben weniger, aber qualitativ hochwertigere Trauben produzieren, was sich in den Aromen und der Struktur der Weine widerspiegelt.
Die Etna DOC-Region schätzt und pflegt diese alten Rebstöcke, was zu einem unverwechselbaren und tiefgründigen Weinsortiment führt, das die einzigartige Geschichte und das Terroir dieser faszinierenden vulkanischen Landschaft widerspiegelt.
Hast du in den letzten 10 – 15 Jahren Veränderungen in der Etna DOC beobachtet betreffend des Klimawandels?
Maurizio Lunetta: Ja, sehr. In den letzten 10 bis 15 Jahren haben sich die Auswirkungen des Klimawandels deutlich bemerkbar gemacht, was die Weinbauern vor neue und herausfordernde Probleme stellt. Aufgrund der geographischen Lage Siziliens ist die Region besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels. Die steigenden Temperaturen und veränderten Niederschlagsmuster erfordern eine Anpassung der Anbaumethoden und eine Abkehr von traditionellen Praktiken, die unter den neuen klimatischen Bedingungen nicht mehr ausreichend sind.
Ein signifikantes Problem ist die Bewässerung. Während in der Vergangenheit junge Stecklinge typischerweise ohne zusätzliche Bewässerung auskamen, ist dies heute oft nicht mehr möglich. Ohne zusätzliches Wasser würden viele Jungpflanzen nicht überleben, was den Einsatz von Bewässerungssystemen unumgänglich macht. Dies stellt eine deutliche Abweichung von den früheren Methoden dar, die auf den natürlichen Niederschlag vertrauten.
Zusätzlich sehen sich die Winzer:innen neuen Krankheiten und Schädlingen gegenüber, wie beispielsweise dem falschen Mehltau und neu eingewanderten Insektenarten, die zuvor in dieser Region nicht vorkamen. Diese neuen Herausforderungen erfordern innovative Ansätze im Pflanzenschutz und eine ständige Weiterbildung der Winzer:innen, um effektive Lösungen zu finden und umzusetzen.
Diese Veränderungen zwingen die Weinmacher der Etna DOC, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und schneller auf Veränderungen in der Natur zu reagieren als jemals zuvor. Es geht darum, resilient zu sein und Anbaumethoden zu adaptieren, um die Qualität und das Überleben der Weinproduktion in dieser historischen und einzigartigen Region zu sichern. Die Winzer stehen vor der Herausforderung, alte Traditionen mit neuen Techniken zu verbinden und so die einzigartigen Charakteristika ihrer Weine zu bewahren, während sie gleichzeitig nachhaltige und klimaangepasste Methoden implementieren.
Das heisst also, der Austausch zwischen Winzer:innen war noch nicht so wichtig wie heute?
Maurizio Lunetta: Der Austausch zwischen den Winzern war zwar schon immer ein Teil der Weinbaukultur, aber in der heutigen Zeit, insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels und der globalen Vernetzung, hat er eine neue und verstärkte Bedeutung erlangt. Der Wissensaustausch und die Zusammenarbeit zwischen Weinschaffenden aus verschiedenen Regionen, wie das Beispiel der Kooperation zwischen Etna DOC, Südtirol DOC und dem Konsortium für Pecorino Romano g.U. zeigt, sind entscheidend, um auf neue Herausforderungen reagieren zu können.
Diese interregionale Zusammenarbeit ermöglicht es den Winzer:innen, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Durch die Kombination von Wissen und Techniken können sie effektiver auf klimatische Veränderungen reagieren, nachhaltigere Anbaumethoden entwickeln und die Artenvielfalt sowie die landwirtschaftliche Vielfalt ihrer Regionen bewahren. Die Biodiversität des Ätna, mit seinen Oliven, Haselnüssen, Pistazien, Kastanien und vielem mehr, ist ein wertvolles Gut, das es zu schützen gilt.
Darüber hinaus spielt die Zusammenarbeit mit akademischen Einrichtungen, wie der Universität in Catania, eine wichtige Rolle bei der Förderung von Forschung und Entwicklung im Weinbau. Solche Partnerschaften helfen dabei, fundierte Ansätze zur Krankheitsbekämpfung und zur Optimierung der landwirtschaftlichen Praktiken zu entwickeln.
Nicht zuletzt ist der soziale Aspekt dieser Kooperationen von grosser Bedeutung. Es geht nicht nur darum, die Umwelt nachhaltig zu bewirtschaften, sondern auch um die Qualität der Arbeitsbedingungen und die Wertschätzung der Arbeitnehmer. Durch die Einbeziehung dieser sozialen Komponenten schaffen die Winzer:innen nicht nur ökologisch nachhaltige, sondern auch sozial verantwortungsvolle Weinproduktionsgemeinschaften. Dieser ganzheitliche Ansatz ist für die Zukunft des Weinbaus in Zeiten des Klimawandels und der sozialen Herausforderungen unerlässlich.
Wie siehst du als Direktor des Konsortiums die Zukunft von Etna DOC?
Maurizio Lunetta: Als Direktor des Konsortiums sehe ich die Zukunft der Etna DOC Region sehr positiv. Wir befinden uns momentan in einer aufstrebenden und dynamischen Phase. Die Wachstumsraten von jährlich 10 bis 15% und das steigende Interesse an den Etna DOC Weinen weltweit, bestätigt durch diverse Wein-Auszeichnungen, sind ein deutliches Zeichen für die steigende Anerkennung und Nachfrage.
Mein Ziel ist es, sicherzustellen, dass Etna DOC nicht nur als eine vorübergehende Modeerscheinung angesehen wird, sondern sich als ein Klassiker in der italienischen Weinwelt etabliert. Dafür ist es entscheidend, die Qualität unserer Weine konstant hoch zu halten. Wir müssen ein kontrolliertes und stabiles Wachstum anstreben, ohne dabei andere landwirtschaftliche Produkte zu beeinträchtigen.
Es ist mir wichtig, als Konsortium neue Restriktionen und Einschränkungen zu erwägen, die eine nachhaltige Entwicklung sicherstellen. Nur so können wir langfristig auf dieser Welle des Erfolgs reiten und sicherstellen, dass die Etna DOC Region ihre einzigartige Position in der Welt des Weins nicht nur behält, sondern weiter ausbaut.
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