Wein dekantieren – ja oder nein? Die einfachen Regeln für Einsteiger

Wein dekantieren – ja oder nein? Die einfachen Regeln für Einsteiger

Wein dekantieren: Wann es sich lohnt – und wann nicht (für Einsteiger)

Wer schon mal beim Znacht sass und sah, wie jemand den Wein in einen grossen Dekanter goss, hat sich vermutlich gedacht: „Sieht irgendwie cool aus, aber bringt das überhaupt etwas?“

Genau darum geht es hier: Dekantieren für ganz normale Weinmenschen. Kein Sommelier-Prüfungsstoff, sondern alltagstaugliches Wissen für alle, die Wein lieben und einfach mehr Genuss im Glas wollen.

Im Text sage ich der Einfachheit halber „Dekanter“, auch wenn eine normale Karaffe gemeint ist. Wenn du einen Dekanter kaufen willst, bekommst du online automatisch passende Empfehlungen.

Was „Wein dekantieren“ überhaupt bedeutet

Dekantieren bedeutet, du giesst Wein aus der Flasche in ein anderes Gefäss, meistens einen Dekanter. Damit hat der Wein automatisch eine grössere Fläche und damit mehr Kontakt mit Sauerstoff, als in der normalen Weinflasche. Ursprünglich tat man das, um den Wein vom Depot (Sediment) zu trennen, dem braunen Zeug, das sich vor allem bei älteren Rotweinen am Flaschenboden sammelt.

Im Alltag wird „dekantieren“ heute oft auch für „dem Wein mal ordentlich Luft geben“ benutzt. Streng genommen heisst das dann karaffieren. Aber ganz ehrlich: Wichtiger als der Begriff ist, dass du weisst was du tust, wenn du den Wein umgiessst.

Die zwei Hauptgründe: Depot & Luft

1. Depot – das braune Zeugs im Wein

Vor allem gereifte Rotweine – zum Beispiel Bordeaux, Barolo oder Rioja – bilden mit der Zeit Sediment (Depot). Das kann im Glas nicht nur komisch aussehen, sondern auch bitter und stumpf wirken.

Beim klassischen Dekantieren giesst du den Wein langsam in einen Dekanter und stoppst, sobald du das Depot am Flaschenhals siehst. Das, was im Dekanter landet, ist dann klarer und angenehmer zu trinken.

2. Luft – damit der Wein aufwacht

Junge, kraftvolle Weine sind manchmal wie Morgenmuffel: Sie können, wollen aber noch nicht so recht. Sie riechen wenig, wirken hart und „eng“. Mit Kontakt zur Luft ändert sich das. In einem Dekanter bekommt der Wein viel Kontakt mit Sauerstoff. Die Aromen öffnen sich, die Frucht kommt besser raus, die Tannine fühlen sich weniger wie Schleifpapier an. Auf einmal ist da nicht mehr nur „Rotwein“, sondern Kirsche, Zwetschge, Würze und du merkst, was eigentlich im Wein steckt.

Wein dekantieren: Welche Weine profitieren wirklich?

Gute Kandidaten für den Dekanter

  • Kräftige, junge Rotweine
    Zum Beispiel Cabernet Sauvignon, Syrah/Shiraz, Malbec, Barolo/Barbaresco, Brunello, Amarone oder junge Bordeaux-Cuvées.
    Richtwert: 1 – 3 Stunden in einem Dekanter.

Mit „jung“ meine ich Weine, die noch am Anfang ihrer Trinkreife stehen, also ab Füllung bis vielleicht 5 – 10 Jahre, je nach Stil. Meist haben sie viel Farbe, spürbare Tannine und wirken in der Nase noch etwas verschlossen.

  • Dichte Alltags-Rotweine aus dem Supermarkt
    Der etwas kräftigere Südfranzose oder ein günstiger Rioja kann im Dekanter deutlich runder und harmonischer wirken.
    Richtwert: 30 – 60 Minuten.
  • Kräftige Weissweine mit Holzausbau
    Ein Chardonnay aus dem Barrique oder ein strukturierter weisser Burgunder kann durch 20 – 40 Minuten Luft an Komplexität gewinnen.

Weine, bei denen du vorsichtig bist

  • Gereifte Rotweine
    Ältere Bordeaux, Burgunder, Barolo & Co. können durch zu viel Luft schnell abbauen. Hier geht es eher um sauberes Einschenken oder vorsichtiges Dekantieren wegen des Depots, nicht um stundenlanges Lüften.
  • Frische, aromatische Weissweine
    Sauvignon Blanc, Riesling, Grüner Veltliner, Muskateller und ähnliche Weine leben von Frische und knackiger Frucht. Die brauchen in der Regel keinen Dekanter, ein grosses Glas reicht völlig.
  • Schaumweine, Prosecco, Champagner
    Beim Dekantieren würde viel Kohlensäure verloren gehen. Deshalb gilt für den Alltag: einfach einschenken und geniessen.
  • Leichte, fruchtige Rotweine
    Ein junger Beaujolais oder ein schlanker Pinot Noir muss meistens nicht dekantiert werden. Ein paar Minuten im Glas, einmal schwenken, fertig.

Die 4-Satz-Dekantier-Formel

Wenn du dir nur das merkst, bist du schon gut unterwegs:

1. Kräftiger junger Rotwein: Dekanter, 1 – 3 Stunden.

2. Gereifter Rotwein: Vorsichtig, eher kurz, nur wenn nötig.

3. Frischer Weisswein oder Prosecco: Direkt ins Glas – ohne Dekanter.

4. Kräftiger Weisswein aus dem Holz: 20 – 40 Minuten im Dekanter sind ein spannender Versuch.

Wein dekantieren oder karaffieren – kurz erklärt

  • Dekantieren (im engen Sinn): Langsames Umgiessen, um Depot (Sediment) in der Flasche zu lassen. Besonders bei älteren Rotweinen.
  • Karaffieren: Dem Wein bewusst viel Luft geben, oft mit etwas Schwung in einen Dekanter. Vor allem für junge, kraftvolle Weine.

Im Alltag darfst du beides ruhig „dekantieren“ nennen. Entscheidend ist, ob du eher Depot loswerden oder den Wein richtig durchatmen lassen willst, dein Wein ist schliesslich nicht in einer Wortprüfung.

Mein Favorit: Dekantieren im Glas

Jetzt kommt mein persönlicher Lieblingstrick und der braucht überhaupt keinen Dekanter: 

Dekantieren im Glas

Warum ich das so mag? Weil es viel spannender ist, den Wein direkt zu begleiten, statt ihn irgendwo im Dekanter allein vor sich hin atmen zu lassen. Grosszügig ins Glas einschenken, riechen, eventuell einen Schluck nehmen, wieder warten. Immer mal wieder schwenken, riechen und beobachten, was passiert.

Der Wein entwickelt sich direkt vor deiner Nase. Vom ersten, vielleicht noch verschlossenen Eindruck bis zu dem Moment, in dem er plötzlich mehr Frucht, mehr Würze, mehr Tiefe zeigt. Genau diese kleine Reise im Glas macht für mich einen grossen Teil vom Wein-Sinn aus.

Gerade für Einsteiger ist das ideal: Du brauchst kein Spezialzubehör, kein Ritual, keine Unsicherheit, ob du „alles richtig machst“. Ein grosses Glas reicht und du lernst ganz nebenbei, wie Luft einen Wein verändert.

So dekantierst du richtig – Schritt für Schritt

1. Probeschluck vor dem Umgiessen

Bevor du irgendetwas in einen Dekanter kippst, immer zuerst einen kleinen Schluck ins Glas.

Zuerst kurz dran riechen, ob er nicht etwa Korken oder sonst einen Defekt hat. Falls ja, weg damit. Nein, auch nicht damit kochen. Defekt bleibt Defekt. Dann:

  • Riechen: Kommt kaum Duft, wirkt der Wein schüchtern oder verschlossen?
  • Schmecken: Fühlt er sich hart, kantig oder sehr streng an?

⠀Dann ist er ein Kandidat für Luft, im Dekanter oder im Glas.

2. Aufrecht stellen (bei gereiften Weinen)

Wenn du vermutest, dass der Wein Depot hat (reifer Rotwein): Die Flasche ein paar Stunden vorher aufrecht stellen, damit sich das Sediment am Boden sammelt.

3. Langsam oder mit Schwung – je nach Wein

  • Gereifte Weine: Langsam in einen Dekanter giessen, am besten mit Licht (Handy Taschenlampe) unter dem Flaschenhals. Sobald du das Depot siehst, stoppst du.
  • Junge, kraftvolle Weine: Du darfst hier ruhig etwas schwungvoll in einen Dekanter giessen, damit viel Luft ins Spiel kommt.

⠀4. Zeit geben

Als grobe Richtwerte:

  • Alltags-Rotwein: 30 – 60 Minuten
  • Kräftiger junger Rotwein: 1 – 3 Stunden
  • Kräftiger Weisswein: 20 – 40 Minuten
  • Gereifte Weine: maximal 30 Minuten, nur wenn sie noch verschlossen wirken

Was Dekantieren nicht kann

Dekantieren ist ein tolles Werkzeug, aber kein Zauberstab:

  • Ein korkiger Wein bleibt korkig.
  • Ein oxidierter Wein wird nicht wieder frisch.
  • Ein sehr einfacher Wein wird durch Luft nicht plötzlich zur grossen Legende.

Dekantieren hilft guten Weinen, sich von ihrer besseren Seite zu zeigen. Es macht aus einem schwachen Wein aber kein Wunderwerk und das ist auch ok so.

Dekanter pflegen – damit der nächste Wein nicht nach Abwaschmittel riecht

Wenn du einen Dekanter benutzt, schau gut zu ihm:

  • Nach Gebrauch direkt mit warmem Wasser ausspülen.
  • Keine stark duftenden Spülmittel verwenden, die hängen im Dekanter und im nächsten Wein.
  • Bei hartnäckigen Rückständen helfen Edelstahlkügelchen oder spezielle Dekanterbürsten.
  • Zum Trocknen am besten kopfüber auf ein sauberes Tuch oder einen Ständer stellen.

Sodeli! Mit diesem Wissen bist du für den nächsten Weinabend bestens gerüstet, egal ob mit Dekanter, nur mit Glas oder mit beidem.

Wenn du Lust hast, das Dekantieren auszuprobieren, nimm dir beim nächsten Weinabend einfach ein bisschen Zeit, ein grosses Glas und Neugier mit: Probiere einen Schluck direkt aus der Flasche - natürlich im Glas ;-), gib dem Wein dann Luft – im Dekanter oder im Glas – und schau zu, wie er sich verändert; so lernst du deinen eigenen Geschmack besser kennen und findest Schritt für Schritt heraus, welche Weine bei dir künftig eine kleine Luftkur bekommen und welche einfach direkt ins Glas dürfen.

Amigne de Vétroz: Die Walliserin mit den Bienen

Amigne de Vétroz: Die Walliserin mit den Bienen

Wenn ein Wein Bienen auf dem Etikett trägt, wird es ziemlich poetisch und man denkt nicht sofort ans Wallis.

Du stehst vor dem Weinregal, siehst eine Flasche Weisswein aus dem Wallis und auf der hinteren Etikette fallen dir ein, zwei oder drei Bienen auf. Im ersten Moment denkst du vielleicht: «Jöö, so härzig!» Im zweiten: «Hä, ist das jetzt Wein oder ein Honigglas mit Alkohol drin?» Keine Bange. Es ist Wein. Und zwar ein ziemlich spannender, finden wir jedenfalls. weshalb ich dir heute Amigne de Vétroz vorstelle, eine autochthone Walliser Rebsorte aus der Schweiz.

Amigne, die kleine Diva aus dem Wallis: Autochthone Rebsorte

Amigne ist eine weisse Rebsorte aus dem Wallis und gehört zu den Weinen, die nicht Everybody’s Darling sein wollen. Sie möchte angeschaut, verstanden und ernst genommen werden.

Optisch erkennst du sie an ihren eher kleineren, lockerbeerigen Trauben mit goldgelben Beeren, die je nach Reifegrad fast ein bisschen bernsteinfarben wirken. Die Schale ist nicht ultradick, aber robust genug, um die langen, sonnigen Walliser Herbsttage gut auszuhalten. Amigne reift spät und lässt sich Zeit, sie ist also alles andere als eine Frühstarterin im Rebberg.

Amigne gehört zu den autochthonen Walliser Rebsorten, sprich: Sie ist hier zuhause und nicht einfach eine internationale Traube, die zufällig im Wallis gelandet ist. Es gibt sie fast nur in der Schweiz und ein grosser Teil der Rebfläche steht rund um Vétroz. Wenn du Amigne im Glas hast, hast du also wirklich ein Stück Walliser Rebkultur vor dir und nicht den nächsten globalen Mainstream‑Weisswein.

Die Rebsorte ist eng mit Vétroz verbunden. Dieser Ort ist so etwas wie das Wohnzimmer der Amigne. Dort fühlt sie sich offensichtlich wohl, zeigt ihren Charakter und macht genau das, was gute Walliser Spezialitäten eben machen: Sie bleibt eigenständig.

Amigne kann trocken, halbtrocken oder süss ausgebaut werden. Genau hier beginnt das fröhliche Bienen-Ballett auf dem Etikett.

Was bedeuten die Bienen?

Die Bienen sind kein Deko-Gag und auch kein Hinweis darauf, dass der Winzer nebenbei noch Imker ist. Sie zeigen, wie viel Restzucker ungefähr im Wein steckt.

Kurz gesagt:

  • 1 Biene: trocken, eher brav, aber nicht langweilig
  • 2 Bienen: charmant, rund, vielleicht ein kleines bisschen verführerisch
  • 3 Bienen: süss, üppig, Dessert und goldener Sonnenuntergang im Glas

Ich finde dieses System grossartig. Endlich einmal ein Etikett, das nicht so tut, als müssen Weingeniesser Önologie studiert haben, um den Wein zu verstehen. Drei Bienen sagen mehr als mancher Rückentext mit «mineralischer Eleganz im Wechselspiel mit subtiler Noblesse». Was auch immer das nach dem zweiten Glas genau heissen soll. Wenn du fleissig liest, dann weisst du natürlich, dass auch wir beim Degustieren die Aromen beschreiben. Nur hoffentlich nie so unverständlich und besonders mit einem Mehrwert für dich.

Wie schmeckt Amigne?

Amigne ist kein dünnes Wässerchen, das kurz «hallo» sagt und dann wieder verschwindet. Sie hat oft Fülle, Frucht und eine schöne aromatische Präsenz. Häufig tauchen Aprikosen, Orange, Honig, Zitrus, florale Noten und manchmal auch eine leicht würzige oder zart bittere Komponente auf.

Das klingt jetzt vielleicht nach Dessertwein mit Wollsocken an den Füssen, aber so einfach ist es nicht. Gerade gute Amigne-Weine haben genug Spannung, damit die Süsse nicht plump wirkt. Wenn die Balance stimmt, ist das wie eine gut erzählte Geschichte: Erst weich, dann überraschend und am Schluss bleibt etwas hängen.

Warum AMIGNE DE VÉTROZ IM WALLIS SO BESONDERS IST

Vétroz ist für Amigne nicht einfach irgendein Dorf mit Reben drumherum. Die Rebstöcke stehen oft in steilen Lagen, auf steinigen, kargen Böden, die sich tagsüber stark aufheizen und die Wärme lange speichern. Genau das mag Amigne, viel Sonne, trockene Bedingungen und genügend Zeit, um langsam auszureifen. Sie ist keine Sorte für fette, tiefgründige Böden, sondern fühlt sich dort wohl, wo sie ein bisschen arbeiten muss. Dafür dankt sie es mit Konzentration und Charakter im Glas.

Amigne ist also nicht die Sorte, die morgens um sieben schon mit Yogamatte und Smoothie bereitsteht. Sie braucht Zeit. Und vermutlich würde sie Termine erst ab 11 Uhr annehmen. Schon nur deshalb ist sie mir mega sympatisch. Denn als bekennende Langschläferin verstehe ich ihren Rhythmus sehr gut.

Was isst man dazu?

Bei Amigne kommt es ziemlich darauf an, wie viele Bienen auf dem Etikett hinten sitzen. Ein trockener Amigne passt gut zu Fisch, Schalentieren oder gebratenem Geflügel. Amigne mit etwas mehr Restsüsse kann wunderbar zu kräftigem Käse, Terrinen, Pasteten, würzigen Gerichten oder auch Desserts passen.

Wir meinen: Wenn zwei Bienen auf der Flasche sind, darf ruhig etwas Mutigeres dazu auf den Teller. Nicht nur ein einsames Apéro-Häppchen mit drei Mandeln und einer Olive, die schon bessere Tage gesehen hat. Denk an Käse, Pastete, asiatisch angehauchte Würze oder etwas mit Frucht. Amigne kann das top als Begleitung.

Warum man Amigne kennen sollte

Weil sie nicht beliebig ist. Weil sie nicht auf jeder zweiten Weinkarte steht. Weil sie typisch Schweiz ist, aber nicht im Alphorn-Klischee-Sinn. Amigne ist eigenständig, manchmal ein bisschen eigenwillig, aber genau das macht sie spannend.

In einer Welt, in der viele Weissweine brav nach «frisch, fruchtig, unkompliziert» schmecken, ist eine Amigne de Vétroz wie eine Frau, die an der Party nicht Smalltalk über das Wetter macht, sondern plötzlich fragt: «Und, was war eigentlich der mutigste Entscheid in deinem Leben?»

Da schaut man erst mal ins Glas. Und nimmt dann noch einen Schluck.

Der Weinweib Tipp

Bei Amigne de Vétroz lohnt sich der Blick auf die Bienen. Nicht, weil man Angst vor ihnen haben muss. Sondern weil sie verraten, ob ein trockener Walliser Charakterkopf, eine halbtrockene Charmeoffensive oder ein süsses Dessertwölkchen im Glas wartet.

Und am Freitag schauen wir dann, was unsere Flasche kann. Ob sie summt, tanzt, sticht oder einfach nur sehr elegant auf dem Tisch steht und so tut, als wäre sie schon immer die Königin des Abends gewesen.

Santé, du fleissiges Bienchen.

P.S. Das Headerbild ist nur ein Symbolbild. Die Traubensorte ist zwar von der Farbe her ähnlich, die Amigne‑Trauben sind in der Realität lockerer aufgebaut und die Beeren etwas kleiner, dafür mit umso mehr inneren Werten.

Roséwein reloaded, mehr als nur Sommer im Glas

Roséwein reloaded, mehr als nur Sommer im Glas

Wer denkt, dem kommt was in den Sinn. Mir kam in den Sinn: Es wird Zeit, über Rosé zu sprechen. Dieser oft unterschätzte Wein bekommt hier endlich die Bühne, die ihm zusteht. Vielseitig, funkelnd und alles andere als „nur ein Sommerwein“.

Rosé, wer bist du eigentlich?

Rosé ist kein Mix aus Rot- und Weisswein, sondern ein eigenständiger Stil mit einer ziemlich schwungvollen Persönlichkeit. Er wird aus roten Trauben gemacht (gekeltert), deren Schalen (Maische) nur sehr kurz mit dem Most – also dem Traubensaft – in Kontakt bleiben. Genau diese kurze Mazeration zaubert die rosa Farbe und den fruchtig-frischen Charakter ins Glas.

Die Bandbreite reicht von superzartem Graurosa bis hin zu kräftigem Himbeer. Die Farbe sagt aber null darüber aus, wie süss der Wein ist: Viele Rosés sind knochentrocken, schmecken aber fruchtig und haben eine tolle, saftige Säure. Dazu kommen Unterschiede bei Rebsorten, Regionen und Ausbau – ein Walliser Oeil‑de‑Perdrix, ein Rosé aus der Provence und ein kräftiger Tavel sprechen Weintechnisch einfach unterschiedliche Dialekte.

Drei Wege ins Rosé‑Glück

Damit das Ganze etwas sortierter wird, lohnt sich ein Blick auf die Roséwein‑Macharten. Grob lassen sich drei Hauptwege unterscheiden, alle führen zu Rosé, aber in ganz verschiedene Richtungen.

1. Direktpressung – die delikateste Kunst im Rosé Universum
Bei der Direktpressung werden rote Trauben wie Weisswein verarbeitet: Sie werden nach der Lese direkt gepresst, der Saft hat nur einen Hauch Schalenkontakt. Das Resultat sind sehr helle, eher hautfarbene Rosés mit feiner, oft zitrischer Aromatik.
Typisch sind Provence‑Style‑Weine oder helle Schweizer Varianten, die elegant, leicht und extrem trinkig sind. Knackige Säure, dezente rote Beeren, Grapefruit, manchmal ein Hauch Kräuter – perfekt für Apéro, Balkon und alles, was nach „endlich hinsetzen und durchatmen“ ruft.

2. Kurzer Maischekontakt – der klassische Rosé, wie ihn viele kennen
Beim kurzen Maischekontakt bleiben die Traubenschalen einige Stunden im Most liegen, bevor abgepresst wird. Diese zusätzliche Zeit bringt mehr Farbe, mehr Aroma und ein kleines Plus an Grip in den Wein. Die Dauer wird von den Winzern entschieden. Übrigens immer mega interessant, was sie sich da immer ausdenken.
Gerade in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland ist dieser Stil sehr beliebt: mittlere Farbe, viel rote Frucht (Erdbeere, Himbeere, Kirsche), dazu eine lebendige Säure. Diese Rosés funktionieren super als Apéro, gehen aber auch zu unkomplizierter Küche: Quiche, Pasta, Antipasti, Tatar, alles was nach „Casual, aber bitte mit Geschmack“ klingt.

3. Tavel & strukturierte Rosés – ein Rosé, der mit am Tisch sitzen will
Und dann gibt es die Rosés, die nicht nur hübsch aussehen wollen, sondern ganz klar am Esstisch mitdiskutieren. Klassische Vertreter findest du etwa in Tavel (Rhône) oder in manchen Regionen wie dem Burgenland oder Südfrankreich. Hier wird mit längerer Maischestandzeit, höherem Extrakt und teilweise auch mit Holzausbau gearbeitet.
Die Weine sind dunkler in der Farbe, dichter im Mundgefühl, würziger und mit spürbarer Tanninstruktur. Sie erinnern ein bisschen an leichte Rotweine, behalten aber die saftige, kühle Frische eines Rosés. Genau die richtige Wahl für Grilladen, Lamm, mediterrane Küche oder kräftigere Mezze; also dann, wenn der „Balkonrosé“ aromatisch einfach zu leicht wäre.

Ein paar coole Food‑Matches

Ein paar Bilder für den Kopf oder direkt für deinen nächsten Einkaufszettel:

Provence‑Rosé & Apéro
Knusprige Käsestangen, Oliven, Tapenade oder Hummus. Der Wein bringt die Frische, der Snack das Salzige. Zusammen wird’s Sommer im Kopf, egal welche Jahreszeit draussen herrscht.

Klassischer Rosé & Everyday‑Küche
Quiche Lorraine, Tomaten‑Mozzarella, Pasta mit Gemüse oder ein Pouletsalat: Ein Rosé mit kurzem Maischekontakt ist der unkomplizierte Freund, der fast immer passt.

Kräftiger Rosé & Grill
Rosés aus Regionen wie Südfrankreich (nicht Provence!) oder Spanien, mit etwas mehr Farbe und Würze lieben Grillgemüse, Lammkoteletts oder Burger. Hier zeigt Rosé, dass er deutlich mehr kann als „nur hübsch sein“.

Rosé‑Schaumwein & Date‑Night
Rosé Brut zu Meeresfrüchten, Trüffelrisotto oder Erdbeeren mit Rahm. Das ist die Foodpairingversion von Kerzenlicht und Lieblingsplaylist.

Warum Rosé heute besser ist denn je

Lange war Rosé in vielen Kellern so etwas wie ein Nebenprodukt, heute ist er Statement. Winzerinnen und Winzer wählen gezielt Trauben, ernten oft etwas früher für Frische und Säure und arbeiten mit moderner Kellertechnik für klare, präzise Aromen.

Terroir, Rebsorte und Stil werden viel bewusster ins Spiel gebracht: Vom zarten, hautfarbenen Ton aus der Provence über elegante Rosés aus der Schweiz bis hin zu farbintensiven Struktur‑Rosés aus Südfrankreich, gibt es gefühlt über 100 Nuancen und genauso viele Charaktere im Glas.

Rosé ist nicht mehr „Resteverwertung“, sondern eine ernstzunehmende Kategorie, in die sich Genussmenschen genauso verlieben können, wie in Weiss‑ oder Rotwein. Und bei uns ist Rosé sowieso jederzeit willkommen, egal, ob auf der Terrasse, zum BBQ oder einfach ein Glas „Ich‑Zeit“ zwischendurch.

Regionen mit der meisten Roséproduktion

Damit du weisst, woher dein Rosé kommen kann, hier ein bizzi mehr Information. Global betrachtet konzentriert sich Rosé stark auf ein paar Länder, innerhalb derer wiederum gewisse Regionen richtige Rosé‑Hochburgen sind.

Frankreich – Nr. 1 weltweit
Frankreich produziert rund 805 Millionen Liter Roséwein pro Jahr und liegt damit deutlich an der Spitze, grob ein Drittel der weltweiten Roséproduktion.
Languedoc: Liefert mengenmässig den grössten Teil des französischen Rosés; in Teilen der Region sind rund 30% der Produktion Rosé.
Provence (v.a. Côtes de Provence): Das Synonym für Rosé, über 90% der dortigen Produktion sind Rosé; Côtes de Provence gilt als eine der wichtigsten Rosé‑Appellationen überhaupt.
Weitere wichtige Rosé‑Gebiete: Südliche Rhône (inkl. Tavel), Roussillon, Südwestfrankreich, Loire, Teile Burgunds.

Spanien – Nr. 2
Spanien liegt mit etwa 460 Millionen Litern Rosé jährlich auf Platz zwei; Rosado kommt aus vielen Regionen, u.a. Navarra, Rioja und La Mancha.

USA – Nr. 3
Die USA produzieren rund 230 Millionen Liter Rosé pro Jahr, ein grosser Teil davon für den heimischen Markt (z.B. White Zinfandel in Kalifornien).

Weitere Länder mit relevanter Roséproduktion
Italien, Südafrika, Deutschland, Chile und zunehmend auch andere Länder liefern ebenfalls signifikante Rosémengen, wenn auch mit deutlich kleinerem Anteil als Frankreich und Spanien.

Rosé‑Mythen Klischees

Wenn du bis hierher gelesen hast, mein Tipp: Beim nächsten Griff ins Regal musst du nicht mehr zwischen rot oder weiss wählen, du kannst dich ganz bewusst für die rosa Zwischenwelt im Glas entscheiden. Freu dich bereits auf die nächste Freitagsflasche, so viel wird verraten: Es wird ein Rosé sein.

Hier noch ein klitzekleiner Song, passend zum Blogpost:

6 Tipps, wie du Weisswein und Rosé im Sommer perfekt kühl hältst

6 Tipps, wie du Weisswein und Rosé im Sommer perfekt kühl hältst

Sommer, Sonne, Besuch auf der Terrasse und die Flasche Rosé ist warm. Nicht „ein bisschen handwarm". Ich meine: Du-könntest-fast-Tee-darin-kochen-warm. Das Gesicht der Freundin sagt alles. Kein Lächeln. Nur ein langer Blick. Dann: „Hast du keinen Kühlschrank?"

Ja. Doch. Aber in dem Moment war es halt so.

Damit dir das nicht (nochmal) passiert, nehmen wir heute das Thema Wein kühlen im Sommer auseinander, mit allem was dazugehört: Idealtemperaturen, SOS-Tricks, Weinkühlschrank-Nerdwissen und dem Grund, warum zu kalt genauso schlimm ist wie zu warm. Los geht's.

Temperatur ist das neue Terroir

Okay, ich übertreibe etwas. Aber wirklich nur ein bisschen.

Die Trinktemperatur beeinflusst alles: Wie der Wein riecht, schmeckt, wie er sich anfühlt, ob die Frucht rüberkommt oder der Alkohol reinhaut. Zu warm? Wein wirkt schwerfällig, alkoholisch, platt. Zu kalt? Die Aromen sind so eingefroren wie dein Lächeln nach dem dritten Zoom-Meeting.

Die Würze liegt in der Mitte was im Sommer konkret bedeutet:

  • Leichte, frische Weissweine (z.B. Pinot Gris, Sauvignon Blanc): ca. 7 bis 10 °C – frisch wie ein Sprung in den See
  • Aromatischere, kräftigere Weissweine (z.B. Viognier, im Holz ausgebauter Chardonnay): ca. 10 bis 12 °C - cremig wie ein Sommerabend
  • Leichte Provence-Rosés: ca. 8 bis 10 °C – bitte, bitte nicht wärmer!
  • Kräftigere Rosés (z.B. Tavel-Stil, strukturierte Rosés): ca. 10 bis 12 °C, maximal bis 14° C, wenn der Rosé wirklich sehr kräftig und fast rotweinartig ist.

Und jetzt kommt einer der wichtigsten Sommer-Tipps, den ich dir mitgeben kann: Im Sommer den Wein immer 2 bis 3 Grad kühler einschenken, als du ihn trinken möchtest, denn die Sonne macht den Rest gratis.

Tipp 1 - Kühlschrank: Der unterschätzte Alltagsheld

Der normale Kühlschrank ist das Arbeitspferd des Sommer-Weingenusses. Kein Glamour, kein grosser Auftritt, er steht verlässlich in der Küche.

Weisswein und Rosé mindestens 2 bis 3 Stunden vor dem Trinken reinstellen. Wenn abends Besuch kommt: Flaschen schon am Nachmittag kalt stellen. Wenn du es wirklich ernst meinst: Am Abend vorher ab in den Kühlschrank.

Das kleine Manko, der Haushaltskühlschrank läuft meist auf 4 bis 6 °C, was kälter als die ideale Trinktemperatur ist. Der Wein kommt also bizzi zu kalt raus. Die Lösung? Du lässt ihn 15 Minuten akklimatisieren, dann passt die Temperatur bereits besser. Und dann kommt der „kühler einschenken Tipp“.

Tipp 2 - SOS-Kühlung: Wenn der Besuch schneller erscheint als geplant war

Der Anruf kommt: „Wir sind in 15 Minuten bei dir!" Die Flasche steht bei Zimmertemperatur da. Der Moment in dem man kurz überlegt, ob Rotwein nicht auch okay wäre. Ist er nicht. Jetzt helfen nur noch ein paar Tricks.

Trick Nr. 1: Das Eiswasser-Salz-Bad (überraschend kalt)

Die effektivste Schnellkühlung, die du zuhause - ohne Labor oder Sonderwissen - machen kannst. Sieht auch noch nach Können aus, wenn Gäste dabei zuschauen.

So geht's:

  • Eimer oder Sektkühler nehmen.
  • Eiswürfel rein, Wasser drüber - Wasser stellt den besseren Kontakt zur Flasche her als Eis allein.
  • Eine grosszügige Handvoll feines Salz dazu, Salz senkt den Gefrierpunkt, das Wasser wird noch kälter.
  • Flasche bis knapp unter den Hals reinstellen und gelegentlich drehen.
  • Nach 30 Minuten ist dein Weisswein oder Rosé trinkbereit.

Trick Nr. 2: Das Gefrierfach (die wilde Variante)

Flasche 10 bis 20 Minuten ins Tiefkühlfach. Klingt und ist simpel. Nicht vergessen: Stell unbedingt einen Timer! Nicht „ich erinnere mich schon".

Vergessene Weinflaschen im Gefrierfach sind eines der traurigsten Bilder, die die Küche kennt: herausgedrückter Korken, Weinsee im Tiefkühler, der Geruch nach halbgefrorenem Elend. Diese Methode ist kein Langstreckenwerkzeug, aber perfekt, um einen Wein schnell in den richtigen Bereich zu bringen.

Trick Nr. 3: Das nasse Tuch (der Camping-Hack)

Feuchtes Küchentuch um die Flasche wickeln, ins Gefrierfach. Das nasse Tuch leitet die Kälte besser und kühlt die Flasche deutlich schneller. Macht evtl. das Etikett labberig. Und auch hier gilt: Timer stellen.

Draussen kühl bleiben: Die grosse Sommer-Challenge

Die eigentliche Herausforderung im Sommer ist nicht das Herunterkühlen. Es ist das Kühlhalten unter freiem Himmel. Während dem die Sonne alles in eine Sauna verwandelt und dir der Schweiss nicht nur den Nacken runterfliesst. Leider reicht dann ein Fächer nicht, um deine Weinflasche kühl zu halten.

Tipp 3 - Der Eiskübel als Tischbegleiter

Kein Sommer-Setup ohne Eiskübel. Plus du machst do auch gleich eine gute Falle:

  • Eiswürfel + Wasser (nicht nur Eiswürfel) das Wasser stellt den besseren Kontakt zur Flasche her und kühlt gleichmässig.
  • Die Flasche nach dem Einschenken immer wieder zurück in den Eiskübel. Nicht danebenstellen. Nicht „gleich". Rein damit!
  • Ein Eiskübel auf dem Tisch sieht übrigens fantastisch aus, besonders mit einer schönen Flasche drin. Perfektes Tischfoto für deinen Instakanal.

Tipp 4 - Kühlmanschetten & Sleeves

Da trifft Stil auf Funktion. Kühlsleeves leben im Gefrierfach und warten auf ihren Einsatz. Im Sommer sind sie Gold wert:

  • Flasche direkt aus dem Kühlschrank in die Manschette, fertig.
  • Hält die Temperatur kühl länger als man denkt.
  • Sieht ordentlich aus, wenn man keine Lust auf den tropfenden Eiskübel-Look hat.

⠀Für unterwegs, Picknick oder Weindegu im Freien: unschlagbar.

Tipp 5 - Der Terracotta-Weinkühler

Das älteste Kühlsystem der Welt und es funktioniert noch immer prima. Jetzt wird's schön und Erinnerungen an meine Zeit in der Toscana ploppen auf.

Der Terracotta-Weinkühler ist kein Trend. Er ist uraltes Wissen in eleganter Form. Das Prinzip dahinter ist simpel und faszinierend zugleich: Verdunstungskälte. Terracotta ist ein poröser Ton, Wasser zieht durch die winzigen Poren nach aussen, verdunstet dort an der Oberfläche und entzieht dabei der Flasche im Inneren Wärme. Ganz ohne Strom, Eiswürfel oder andere Technik.

So funktioniert's:

  • Den Terracotta-Kühler vor Gebrauch 30 bis 60 Minuten in Wasser einweichen – er muss sich vollsaugen.
  • Danach für 1 Stunde in den Kühlschrank.
  • Gut gekühlte Flasche hineinstellen.
  • Draussen auf den Tisch stellen und den Wein kalt geniessen.
  • Kühler zwischendurch erneut mit Wasser begiessen, wenn er zu trocknen beginnt.

⠀Was er kann und was nicht:

  • Er hält eine bereits gut gekühlte Flasche über längere Zeit auf angenehmer Trinktemperatur.
  • Er kann eine warme Flasche nicht aktiv herunterkühlen – das ist nicht sein Job.
  • In der Hitze draussen schlägt er bei leichtem Wind sogar den normalen Eiskübel in Sachen Optik, und kommt ihm kühltechnisch erstaunlich nah.

Guter Weingenuss braucht nicht immer eine High-Tech-Lösung. Ein schöner Terracotta-Kühler auf dem Terrassentisch, daneben ein Glas gut gekühlter Weisswein, goldenes Abendlicht... das ist ein Bild, das was erzählt. 

Kleiner Bonus: Terracotta-Weinkühler sehen toll aus. Sie passen zu Naturstein, Holztischen, Sommergärten und allem, was nach Südfrankreich oder Toscana riecht.

Tipp 6 - Weinkühlschrank: Deine geheimwaffe

Jetzt wird's nerdig!

Der Weinkühlschrank ist mehr als ein schicker Kasten. Im Vergleich zum normalen Kühlschrank bietet er konstante Temperatur, wenig Vibration, Schutz vor UV Licht und eine bessere Luftfeuchtekontrolle. Kurzum: Dein Wein ist darin deutlich besser aufgehoben und im Sommer kannst du ihn aktiv als Kühl- und Servierwerkzeug einsetzen.

Hat dein Weinkühlschrank nur eine Temperaturzone? Dann stell ihn im Sommer auf 7 °C und bestücke ihn mit Weissweinen und Rosés. Die kommen damit fast trinkfertig raus. Flasche nehmen, einschenken, geniessen. Kein Warten, kein Improvisieren.

Auf der Terrasse dann in den Eiskübel, die Kühlmanschette oder den Terracotta-Kühler und der Abend ist gerettet.

Zweizonen-Weinkühlschrank: Das Profi-Setup

Unser Weinkühlschrank bleibt das ganze Jahr gleich eingestellt:

Kältere Zone (meist unten): 7 °C
Alle Schaumweine, Weissweine und Rosé.
Wärmere Zone (meist oben): 16 °C
Alle Rotweine.

Da wir unseren Weinen immer genug Zeit im Glas geben, erreichen diese dann über kurz oder lang die ideale Trinktemperatur. Im Zweizonen-Weinkühlschrank herrscht so immer die richtige Feuchtigkeit und Temperatur. Wir können die Flaschen so auch ganz gäbig lagern. (Er wirkt zurzeit ein wenig leer, was bei einem Füllvolumen von 151 Flaschen bald mal der Fall sein kann.)

Ein letztes Bild

Die Sonne geht langsam unter. Der Wein steht gekühlt auf dem Tisch. Der erste Schluck Rosé ist präzise, fruchtig, belebend und fast so erfrischend wie ein kühler Sommermorgen. Das ist kein Zufall. Das ist Vorbereitung, Wissen und ein bisschen Liebe zum Detail.


Und weil es mir so Spass, hier (m)ein Sommersong für dich. Für Romantik ist gesorgt. Du musst jetzt nur noch den passenden Wein rausholen und mit deiner oder deinem Liebsten (egal wie, Hauptsache Liebe ist im Spiel!) raus auf Balkon, Terrasse, Garten.

„Sommerwein mit dir“

Prosecco: Geschichte, Glera und Brilla! von Botter

Prosecco: Geschichte, Glera und Brilla! von Botter

Es gibt Weine, die man trinkt, weil man sie kennt. Und es gibt Weine, die man trinkt, weil sie sofort gute Laune machen. Prosecco gehört ganz klar zur zweiten Sorte. Er ist leicht, fröhlich, charmant und dabei erstaunlich vielseitig. Ein Schaumwein, der nicht laut sein muss, um Wirkung zu haben.

Ich habe für Prosecco eine grosse Schwäche. Nicht für die beliebige Version, die bloss perlt, sondern für den echten Prosecco DOC, der Herkunft, Stil und Lebensfreude verbindet. Genau diese Kombination macht ihn zu einem Wein, über den man nicht nur schreibt, sondern den man auch gern im Glas hat.

Woher Prosecco kommt  

Der Name Prosecco geht ursprünglich auf ein Dorf bei Triest zurück. Heute steht Prosecco jedoch vor allem für ein klar abgegrenztes Herkunftsgebiet in Norditalien, hauptsächlich in Venetien und Friaul‑Julisch Venetien, sowie für einen geschützten Stil mit definierten Regeln. Prosecco DOC ist damit nicht einfach irgendein Perlwein, sondern ein Wein mit Herkunft, Geschichte und Profil.

Gerade das macht ihn so interessant. Hinter dem spritzigen Glas steckt ein Produkt, das eng mit Region, Tradition und modernem Weinverständnis verbunden ist. In Projekten wie Cheers & Cheese to EU wird genau dieser europäische Gedanke sichtbar: Prosecco DOC als Teil einer Genusskultur, die Herkunft und Lebensfreude zusammenbringt.

Die Rebsorte Glera  

Was viele als Prosecco‑Traube bezeichnen, heisst heute offiziell Glera. Das ist die Hauptrebsorte, aus der Prosecco DOC gemacht wird. Sie bringt genau jene Eigenschaften mit, die Prosecco so beliebt machen: Frische, feine Frucht, Blütenaromen und eine lebendige Säure.

Typisch sind Noten von grünem Apfel, Birne, Zitrus, weissen Blüten und manchmal ein Hauch von Melone. Glera ist keine laute Diva, sondern eine Rebsorte mit Eleganz und Klarheit. Und genau deshalb eignet sie sich so gut für einen Schaumwein, der Frische zeigen soll, ohne schwer zu wirken.

So entsteht Prosecco  

Prosecco wird in der Regel mit der Charmat‑ oder Martinotti‑Methode hergestellt. Dabei findet die zweite Gärung nicht in der Flasche statt, sondern in Drucktanks aus Edelstahl. Das hat einen grossen Einfluss auf den Stil: Die fruchtigen, frischen Aromen bleiben erhalten und der Wein wirkt leichter und direkter (das mag ich an ihm, diese Direktheit) als viele traditionell in der Flasche vergorenen Schaumweine.

Genau das ist der Grund, warum Prosecco so oft nach Frühling, Apéro und unkompliziertem Genuss schmeckt. Es geht nicht um schwere Hefearomen oder lange Reife im Stil eines Champagners, sondern um Frische, Trinkfluss und eine animierende Perlage. Prosecco soll nicht beeindrucken, indem er kompliziert ist. Er überzeugt, weil er gut gemacht und herrlich zugänglich ist. Ich finde Prosecco grundsätzlich auch ziemlich cool, wenn man nicht gleich 50 Franken für eine Flasche Champagner ausgeben kann oder will.

Warum man Prosecco trinken sollte  

Weil er das Leben ein wenig heller macht! Prosecco ist ein Wein für Momente, die leicht sein dürfen: Ein Apéro mit Freunden, ein spontanes Abendessen, ein Sommerabend auf der Terrasse oder ein kleiner Feiermoment ohne spezifischen Anlass. Er bringt genau jene Mischung aus Eleganz und Unkompliziertheit mit, die man in vielen Situationen schätzt.

Besonders schön ist Prosecco auch am Tisch. Er passt zu Antipasti, Meeresfrüchten, frittierten Häppchen, leichten Pastagerichten, Gemüse, mildem Käse und natürlich zu einem feinen Apéro mit Grissini, Oliven oder Prosciutto. Und wenn ein Wein gleichzeitig leicht, freundlich und vielseitig ist, dann ist er nur sehr selten fehl am Platz.  

Cheers & Cheese  

Ich habe Prosecco auch in meinem Beitrag zu Cheers & Cheese to EU wieder sehr bewusst als Teil eines kulinarischen Zusammenspiels erlebt. Dort traf Prosecco DOC auf Grana Padano DOP – eine Kombination, die nicht nur gut klingt, sondern auch geschmacklich Sinn ergibt. Der Käse bringt Würze und Tiefe, der Prosecco Frische und Leichtigkeit. Zusammen entsteht Balance.

Das ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie man Prosecco über den Apéro hinaus denken kann. Er ist kein Wein, der nur allein im Glas funktioniert. Er kann Speisen heben, Texturen begleiten und salzige wie cremige Komponenten wunderbar ausgleichen.

Brilla! von Botter  

Ein Prosecco, der mir besonders aufgefallen ist, ist Brilla! Prosecco DOC von Casa Vinicola Botter. Botter ist ein familiengeführtes Unternehmen aus Venetien mit langer Tradition im Weinhandel und Export. Brilla! ist dabei nicht nur ein Produktname, sondern ein kleines Stil‑Statement.

Das Auffällige an Brilla! ist zuerst die Flasche: geschliffen, markant und sofort wiedererkennbar. Sie wirkt fast wie ein Designobjekt auf dem Tisch. Dann natürlich das mega glitzernde (brillierende) Etikett. Im Glas zeigt Brilla! den klassischen Prosecco‑Charakter: hell strohgelbe Farbe, fruchtige Nase mit Zitrusnoten, feine Perlage und ein leichter, sauberer Auftritt am Gaumen. Es gibt ihn übrigens auch noch als Rosé, der dem regulären Prosecco in nichts nachsteht.

Brilla! ist damit ein guter Vertreter eines modernen Prosecco‑Stils: hübsch anzusehen, aber nicht bloss Show. Der Inhalt hält mit dem Äusseren mit. In der Schweiz findest du ihn in der Regel bei DENNER im Regal. In Deutschland u.a. bei REWE.

Prosecco mit Stil  

Prosecco ist heute definitiv mehr als ein spritziger Klassiker für den Apéro. Er steht für Herkunft, Stil und eine Genusskultur, die leicht wirkt aber nicht oberflächlich ist. Gerade darum ist er so beliebt: Er bleibt zugänglich, ohne banal zu werden.

Brilla! von Botter zeigt, wie modern Prosecco heute auftreten kann, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Und genau das ist vielleicht das Schönste an diesem Wein: Er erinnert uns daran, dass Genuss nicht kompliziert sein muss, um gut zu sein. Ein gutes Glas Prosecco reicht manchmal völlig aus.

Reblaus – Schock im Rebberg

Reblaus – Schock im Rebberg

Phylloxera, die kleine Laus, die der Weinwelt eine Ohrfeige verpasst hat.

Du nippst genüsslich an deinem Glas Pinot Noir, alles ist friedlich und irgendwo im 19. Jahrhundert läuft eine gelbliche Mini-Laus durchs Wurzelwerk und denkt sich: „Heute ruiniere ich mal einen Kontinent!“ Diese Laus heisst Phylloxera, auf Deutsch netterweise „Reblaus“ was fast ein wenig charmant tönt, aber so ziemlich der Endgegner der Weinwelt war.  

Wer ist diese Reblaus eigentlich?

Phylloxera ist botanisch korrekt Daktulosphaira vitifoliae, klingt wie ein böser Zauberspruch, ist aber „nur“ ein Insekt aus der Familie der Zwergläuse. Winzig, gelblich und nur 0.3 bis 1.5 Millimeter gross, mit einem klaren Hobby: Reben piesaken.  

Sie stammt aus Nordamerika, wo die einheimischen Wildreben gelernt haben, mit ihr zu leben. Da hat sie lange ein eher unauffälliges Dasein geführt, so wie die eher unscheinbare Kollegin im Büro, die irgendwann die halbe Firma umstrukturiert.  

Wie sie die Rebe fertig macht

Die Reblaus führt ein Doppelleben, von dem jede Netflix-Serie nur träumen kann. Ein Teil ihres Lebens spielt sich an den Blättern ab wo sie kleine Gallen verursacht, also knubbelige Auswüchse. Nervig, aber nicht tödlich.

Richtig dramatisch wird es an den Wurzeln:

  • Die Laus sticht die Wurzeln an und saugt sich voll.
  • Es bilden sich Wucherungen und Wunden, in die Pilze und Bakterien eindringen können.
  • Die Rebe kann immer schlechter Wasser und Nährstoffe aufnehmen.
  • Von aussen sieht sie erst „ein bisschen schwach“ aus und dann ist Schicht im Schacht.

Das Perfide daran ist, dass die Rebe nicht spektakulär über Nacht die Storzen obsi kehrt (stirbt), sondern langsam aber garantiert. Wie ein ganz schlechter Beziehungsabbruch, nur eben im Rebberg.

Die grosse Weinbau-Soap im 19. Jahrhundert

Mitte des 19. Jahrhunderts (um 1860) schafften es ein paar unscheinbare, wilde Rebstöcke aus Amerika nach Europa, inklusive blinden Passagieren an den Wurzeln. In Südfrankreich ging’s dann los: Reben welkten, Weinberge starben, Winzer verzweifelten.  

Und dann passierte folgendes: Die Reblaus marschierte quer durch Frankreich, weiter nach Deutschland, Italien, Spanien, bis nach Österreich und darüber hinaus. Ganze Existenzen gingen den Bach runter, Regionen verloren quasi über Nacht ihre Grundlage. Die Verzweiflung war riesig.

Zeitgenossen haben das nicht umsonst als „Weinbaukatastrophe“ bezeichnet. Stell dir einfach vor, es gäbe plötzlich fast keinen (trinkbaren) Wein mehr. Genau. So schlimm!

Skurrile Ideen im Rebbau

Wenn Menschen in Panik geraten, wird es meistens ziemlich kreativ. Ein paar historische „Highlights“ der Reblaus-Bekämpfung: 

  • Weinberge fluten: Wo Wasser war, konnte die Reblaus nicht überleben, leider auch so manche Rebe nicht.
  • Gift in den Boden pumpen (z.B. Schwefelkohlenstoff): Hat die Laus umgebracht, war aber nur knapp davor, auch die Winzer mit umzunieten.
  • Esoterik im Rebberg: Vergrabene Kröten, Zaubersprüche, allerlei „Geheimrezepte“.

Nichts davon war wirkungsvoll.

Die geniale (und bis heute gültige) Lösung

Die Rettung kam durch eine Idee, die zunächst fast blasphemisch klang: Wenn die amerikanischen Reben die Reblaus aushalten, warum nicht einfach deren Wurzeln nutzen? 

Der Botaniker Jules Émile Planchon war einer der Ersten, die systematisch amerikanische Reben als Unterlage vorschlugen, nachdem ihm aus den USA reblausresistente Reben zugesandt worden waren.

1869 formulierte Leo Laliman in Frankreich explizit den Lösungsweg, nämlich Reben europäischer Sorten auf reblaustolerante Unterlagen (insbesondere amerikanische Wildreben) zu pfropfen. Diese praktische Idee setzte sich schliesslich weltweit durch und bildet bis heute die Grundlage des Weinbaus.

Der Trick ging so:

  • Unten: Amerikanische, reblausresistente Unterlagsrebe.
  • Oben: Europäische Edelrebe (Vitis vinifera), also dein geliebter Pinot, Merlot, Barbera, Vermentino, Riesling & Co.
  • In der Mitte: Die Veredelungsstelle, quasi der chirurgische „Handshake“ zwischen zwei Welten.

Das Ergebnis: Die Laus kann zwar noch an den Wurzeln knabbern, aber die amerikanische Wurzel sagt: „Netter Versuch“, bleibt am Leben und die europäische Rebe obenrum liefert weiterhin Wein. Deshalb sind heute fast alle Reben der Welt gepfropft.

Phylloxera heute, immer noch da, aber gebändigt

Ganz verschwunden ist die Reblaus nie. Sie existiert weiter (auch in Europa) aber dank der Verwendung amerikanischer Unterlagsreben ist sie heute vom Albtraum zum kontrollierten Risiko geworden.

Die Winzer sprechen noch heute respektvoll über diesen Wendepunkt. Ohne den genialen Einfall von Planchon und Laliman wäre unser Weinbau – und damit auch mein Berufsleben – kaum vorstellbar gewesen.

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