Sommer, Sonne, Besuch auf der Terrasse und die Flasche Rosé ist warm. Nicht „ein bisschen handwarm“. Ich meine: Du-könntest-fast-Tee-darin-kochen-warm. Das Gesicht der Freundin sagt alles. Kein Lächeln. Nur ein langer Blick. Dann: „Hast du keinen Kühlschrank?“
Ja. Doch. Aber in dem Moment war es halt so.
Damit dir das nicht (nochmal) passiert, nehmen wir heute das Thema Wein kühlen im Sommer auseinander, mit allem was dazugehört: Idealtemperaturen, SOS-Tricks, Weinkühlschrank-Nerdwissen und dem Grund, warum zu kalt genauso schlimm ist wie zu warm. Los geht’s.
Temperatur ist das neue Terroir
Okay, ich übertreibe etwas. Aber wirklich nur ein bisschen.
Die Trinktemperatur beeinflusst alles: Wie der Wein riecht, schmeckt, wie er sich anfühlt, ob die Frucht rüberkommt oder der Alkohol reinhaut. Zu warm? Wein wirkt schwerfällig, alkoholisch, platt. Zu kalt? Die Aromen sind so eingefroren wie dein Lächeln nach dem dritten Zoom-Meeting.
Die Würze liegt in der Mitte was im Sommer konkret bedeutet:
Leichte, frische Weissweine (z.B. Pinot Gris, Sauvignon Blanc): ca. 7 bis 10 °C – frisch wie ein Sprung in den See
Aromatischere, kräftigere Weissweine (z.B. Viognier, im Holz ausgebauter Chardonnay): ca. 10 bis 12 °C – cremig wie ein Sommerabend
Leichte Provence-Rosés: ca. 8 bis 10 °C – bitte, bitte nicht wärmer!
Kräftigere Rosés (z.B. Tavel-Stil, strukturierte Rosés): ca. 10 bis 12 °C, maximal bis 14° C, wenn der Rosé wirklich sehr kräftig und fast rotweinartig ist.
Und jetzt kommt einer der wichtigsten Sommer-Tipps, den ich dir mitgeben kann: Im Sommer den Wein immer 2 bis 3 Grad kühler einschenken, als du ihn trinken möchtest, denn die Sonne macht den Rest gratis.
Tipp 1 – Kühlschrank: Der unterschätzte Alltagsheld
Der normale Kühlschrank ist das Arbeitspferd des Sommer-Weingenusses. Kein Glamour, kein grosser Auftritt, er steht verlässlich in der Küche.
Weisswein und Rosé mindestens 2 bis 3 Stunden vor dem Trinken reinstellen. Wenn abends Besuch kommt: Flaschen schon am Nachmittag kalt stellen. Wenn du es wirklich ernst meinst: Am Abend vorher ab in den Kühlschrank.
Das kleine Manko, der Haushaltskühlschrank läuft meist auf 4 bis 6 °C, was kälter als die ideale Trinktemperatur ist. Der Wein kommt also bizzi zu kalt raus. Die Lösung? Du lässt ihn 15 Minuten akklimatisieren, dann passt die Temperatur bereits besser. Und dann kommt der „kühler einschenken Tipp“.
Tipp 2 – SOS-Kühlung: Wenn der Besuch schneller erscheint als geplant war
Der Anruf kommt: „Wir sind in 15 Minuten bei dir!“ Die Flasche steht bei Zimmertemperatur da. Der Moment in dem man kurz überlegt, ob Rotwein nicht auch okay wäre. Ist er nicht. Jetzt helfen nur noch ein paar Tricks.
Trick Nr. 1: Das Eiswasser-Salz-Bad (überraschend kalt)
Die effektivste Schnellkühlung, die du zuhause – ohne Labor oder Sonderwissen – machen kannst. Sieht auch noch nach Können aus, wenn Gäste dabei zuschauen.
So geht’s:
Eimer oder Sektkühler nehmen.
Eiswürfel rein, Wasser drüber – Wasser stellt den besseren Kontakt zur Flasche her als Eis allein.
Eine grosszügige Handvoll feines Salz dazu, Salz senkt den Gefrierpunkt, das Wasser wird noch kälter.
Flasche bis knapp unter den Hals reinstellen und gelegentlich drehen.
Nach 30 Minuten ist dein Weisswein oder Rosé trinkbereit.
Trick Nr. 2: Das Gefrierfach (die wilde Variante)
Flasche 10 bis 20 Minuten ins Tiefkühlfach. Klingt und ist simpel. Nicht vergessen: Stell unbedingt einen Timer! Nicht „ich erinnere mich schon“.
Vergessene Weinflaschen im Gefrierfach sind eines der traurigsten Bilder, die die Küche kennt: herausgedrückter Korken, Weinsee im Tiefkühler, der Geruch nach halbgefrorenem Elend. Diese Methode ist kein Langstreckenwerkzeug, aber perfekt, um einen Wein schnell in den richtigen Bereich zu bringen.
Trick Nr. 3: Das nasse Tuch (der Camping-Hack)
Feuchtes Küchentuch um die Flasche wickeln, ins Gefrierfach. Das nasse Tuch leitet die Kälte besser und kühlt die Flasche deutlich schneller. Macht evtl. das Etikett labberig. Und auch hier gilt: Timer stellen.
Draussen kühl bleiben: Die grosse Sommer-Challenge
Die eigentliche Herausforderung im Sommer ist nicht das Herunterkühlen. Es ist das Kühlhalten unter freiem Himmel. Während dem die Sonne alles in eine Sauna verwandelt und dir der Schweiss nicht nur den Nacken runterfliesst. Leider reicht dann ein Fächer nicht, um deine Weinflasche kühl zu halten.
Tipp 3 – Der Eiskübel als Tischbegleiter
Kein Sommer-Setup ohne Eiskübel. Plus du machst do auch gleich eine gute Falle:
Eiswürfel + Wasser (nicht nur Eiswürfel) das Wasser stellt den besseren Kontakt zur Flasche her und kühlt gleichmässig.
Die Flasche nach dem Einschenken immer wieder zurück in den Eiskübel. Nicht danebenstellen. Nicht „gleich“. Rein damit!
Ein Eiskübel auf dem Tisch sieht übrigens fantastisch aus, besonders mit einer schönen Flasche drin. Perfektes Tischfoto für deinen Instakanal.
Tipp 4 – Kühlmanschetten & Sleeves
Da trifft Stil auf Funktion. Kühlsleeves leben im Gefrierfach und warten auf ihren Einsatz. Im Sommer sind sie Gold wert:
Flasche direkt aus dem Kühlschrank in die Manschette, fertig.
Hält die Temperatur kühl länger als man denkt.
Sieht ordentlich aus, wenn man keine Lust auf den tropfenden Eiskübel-Look hat.
⠀Für unterwegs, Picknick oder Weindegu im Freien: unschlagbar.
Tipp 5 – Der Terracotta-Weinkühler
Das älteste Kühlsystem der Welt und es funktioniert noch immer prima. Jetzt wird’s schön und Erinnerungen an meine Zeit in der Toscana ploppen auf.
Der Terracotta-Weinkühler ist kein Trend. Er ist uraltes Wissen in eleganter Form. Das Prinzip dahinter ist simpel und faszinierend zugleich: Verdunstungskälte. Terracotta ist ein poröser Ton, Wasser zieht durch die winzigen Poren nach aussen, verdunstet dort an der Oberfläche und entzieht dabei der Flasche im Inneren Wärme. Ganz ohne Strom, Eiswürfel oder andere Technik.
So funktioniert’s:
Den Terracotta-Kühler vor Gebrauch 30 bis 60 Minuten in Wasser einweichen – er muss sich vollsaugen.
Danach für 1 Stunde in den Kühlschrank.
Gut gekühlte Flasche hineinstellen.
Draussen auf den Tisch stellen und den Wein kalt geniessen.
Kühler zwischendurch erneut mit Wasser begiessen, wenn er zu trocknen beginnt.
⠀Was er kann und was nicht:
Er hält eine bereits gut gekühlte Flasche über längere Zeit auf angenehmer Trinktemperatur.
Er kann eine warme Flasche nicht aktiv herunterkühlen – das ist nicht sein Job.
In der Hitze draussen schlägt er bei leichtem Wind sogar den normalen Eiskübel in Sachen Optik, und kommt ihm kühltechnisch erstaunlich nah.
Guter Weingenuss braucht nicht immer eine High-Tech-Lösung. Ein schöner Terracotta-Kühler auf dem Terrassentisch, daneben ein Glas gut gekühlter Weisswein, goldenes Abendlicht… das ist ein Bild, das was erzählt.
Kleiner Bonus: Terracotta-Weinkühler sehen toll aus. Sie passen zu Naturstein, Holztischen, Sommergärten und allem, was nach Südfrankreich oder Toscana riecht.
Tipp 6 – Weinkühlschrank: Deine geheimwaffe
Jetzt wird’s nerdig!
Der Weinkühlschrank ist mehr als ein schicker Kasten. Im Vergleich zum normalen Kühlschrank bietet er konstante Temperatur, wenig Vibration, Schutz vor UV Licht und eine bessere Luftfeuchtekontrolle. Kurzum: Dein Wein ist darin deutlich besser aufgehoben und im Sommer kannst du ihn aktiv als Kühl- und Servierwerkzeug einsetzen.
Hat dein Weinkühlschrank nur eine Temperaturzone? Dann stell ihn im Sommer auf 7 °C und bestücke ihn mit Weissweinen und Rosés. Die kommen damit fast trinkfertig raus. Flasche nehmen, einschenken, geniessen. Kein Warten, kein Improvisieren.
Auf der Terrasse dann in den Eiskübel, die Kühlmanschette oder den Terracotta-Kühler und der Abend ist gerettet.
Zweizonen-Weinkühlschrank: Das Profi-Setup
Unser Weinkühlschrank bleibt das ganze Jahr gleich eingestellt:
Kältere Zone (meist unten): 7 °C Alle Schaumweine, Weissweine und Rosé. Wärmere Zone (meist oben): 16 °C Alle Rotweine.
Da wir unseren Weinen immer genug Zeit im Glas geben, erreichen diese dann über kurz oder lang die ideale Trinktemperatur. Im Zweizonen-Weinkühlschrank herrscht so immer die richtige Feuchtigkeit und Temperatur. Wir können die Flaschen so auch ganz gäbig lagern. (Er wirkt zurzeit ein wenig leer, was bei einem Füllvolumen von 151 Flaschen bald mal der Fall sein kann.)
Ein letztes Bild
Die Sonne geht langsam unter. Der Wein steht gekühlt auf dem Tisch. Der erste Schluck Rosé ist präzise, fruchtig, belebend und fast so erfrischend wie ein kühler Sommermorgen. Das ist kein Zufall. Das ist Vorbereitung, Wissen und ein bisschen Liebe zum Detail.
Und weil es mir so Spass, hier (m)ein Sommersong für dich. Für Romantik ist gesorgt. Du musst jetzt nur noch den passenden Wein rausholen und mit deiner oder deinem Liebsten (egal wie, Hauptsache Liebe ist im Spiel!) raus auf Balkon, Terrasse, Garten.
Es gibt Weine, die man trinkt, weil man sie kennt. Und es gibt Weine, die man trinkt, weil sie sofort gute Laune machen. Prosecco gehört ganz klar zur zweiten Sorte. Er ist leicht, fröhlich, charmant und dabei erstaunlich vielseitig. Ein Schaumwein, der nicht laut sein muss, um Wirkung zu haben.
Ich habe für Prosecco eine grosse Schwäche. Nicht für die beliebige Version, die bloss perlt, sondern für den echten Prosecco DOC, der Herkunft, Stil und Lebensfreude verbindet. Genau diese Kombination macht ihn zu einem Wein, über den man nicht nur schreibt, sondern den man auch gern im Glas hat.
Woher Prosecco kommt
Der Name Prosecco geht ursprünglich auf ein Dorf bei Triest zurück. Heute steht Prosecco jedoch vor allem für ein klar abgegrenztes Herkunftsgebiet in Norditalien, hauptsächlich in Venetien und Friaul‑Julisch Venetien, sowie für einen geschützten Stil mit definierten Regeln. Prosecco DOC ist damit nicht einfach irgendein Perlwein, sondern ein Wein mit Herkunft, Geschichte und Profil.
Gerade das macht ihn so interessant. Hinter dem spritzigen Glas steckt ein Produkt, das eng mit Region, Tradition und modernem Weinverständnis verbunden ist. In Projekten wie Cheers & Cheese to EU wird genau dieser europäische Gedanke sichtbar: Prosecco DOC als Teil einer Genusskultur, die Herkunft und Lebensfreude zusammenbringt.
Die Rebsorte Glera
Was viele als Prosecco‑Traube bezeichnen, heisst heute offiziell Glera. Das ist die Hauptrebsorte, aus der Prosecco DOC gemacht wird. Sie bringt genau jene Eigenschaften mit, die Prosecco so beliebt machen: Frische, feine Frucht, Blütenaromen und eine lebendige Säure.
Typisch sind Noten von grünem Apfel, Birne, Zitrus, weissen Blüten und manchmal ein Hauch von Melone. Glera ist keine laute Diva, sondern eine Rebsorte mit Eleganz und Klarheit. Und genau deshalb eignet sie sich so gut für einen Schaumwein, der Frische zeigen soll, ohne schwer zu wirken.
So entsteht Prosecco
Prosecco wird in der Regel mit der Charmat‑ oder Martinotti‑Methode hergestellt. Dabei findet die zweite Gärung nicht in der Flasche statt, sondern in Drucktanks aus Edelstahl. Das hat einen grossen Einfluss auf den Stil: Die fruchtigen, frischen Aromen bleiben erhalten und der Wein wirkt leichter und direkter (das mag ich an ihm, diese Direktheit) als viele traditionell in der Flasche vergorenen Schaumweine.
Genau das ist der Grund, warum Prosecco so oft nach Frühling, Apéro und unkompliziertem Genuss schmeckt. Es geht nicht um schwere Hefearomen oder lange Reife im Stil eines Champagners, sondern um Frische, Trinkfluss und eine animierende Perlage. Prosecco soll nicht beeindrucken, indem er kompliziert ist. Er überzeugt, weil er gut gemacht und herrlich zugänglich ist. Ich finde Prosecco grundsätzlich auch ziemlich cool, wenn man nicht gleich 50 Franken für eine Flasche Champagner ausgeben kann oder will.
Warum man Prosecco trinken sollte
Weil er das Leben ein wenig heller macht! Prosecco ist ein Wein für Momente, die leicht sein dürfen: Ein Apéro mit Freunden, ein spontanes Abendessen, ein Sommerabend auf der Terrasse oder ein kleiner Feiermoment ohne spezifischen Anlass. Er bringt genau jene Mischung aus Eleganz und Unkompliziertheit mit, die man in vielen Situationen schätzt.
Besonders schön ist Prosecco auch am Tisch. Er passt zu Antipasti, Meeresfrüchten, frittierten Häppchen, leichten Pastagerichten, Gemüse, mildem Käse und natürlich zu einem feinen Apéro mit Grissini, Oliven oder Prosciutto. Und wenn ein Wein gleichzeitig leicht, freundlich und vielseitig ist, dann ist er nur sehr selten fehl am Platz.
Cheers & Cheese
Ich habe Prosecco auch in meinem Beitrag zu Cheers & Cheese to EU wieder sehr bewusst als Teil eines kulinarischen Zusammenspiels erlebt. Dort traf Prosecco DOC auf Grana Padano DOP – eine Kombination, die nicht nur gut klingt, sondern auch geschmacklich Sinn ergibt. Der Käse bringt Würze und Tiefe, der Prosecco Frische und Leichtigkeit. Zusammen entsteht Balance.
Das ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie man Prosecco über den Apéro hinaus denken kann. Er ist kein Wein, der nur allein im Glas funktioniert. Er kann Speisen heben, Texturen begleiten und salzige wie cremige Komponenten wunderbar ausgleichen.
Brilla! von Botter
Ein Prosecco, der mir besonders aufgefallen ist, ist Brilla! Prosecco DOC von Casa Vinicola Botter. Botter ist ein familiengeführtes Unternehmen aus Venetien mit langer Tradition im Weinhandel und Export. Brilla! ist dabei nicht nur ein Produktname, sondern ein kleines Stil‑Statement.
Das Auffällige an Brilla! ist zuerst die Flasche: geschliffen, markant und sofort wiedererkennbar. Sie wirkt fast wie ein Designobjekt auf dem Tisch. Dann natürlich das mega glitzernde (brillierende) Etikett. Im Glas zeigt Brilla! den klassischen Prosecco‑Charakter: hell strohgelbe Farbe, fruchtige Nase mit Zitrusnoten, feine Perlage und ein leichter, sauberer Auftritt am Gaumen. Es gibt ihn übrigens auch noch als Rosé, der dem regulären Prosecco in nichts nachsteht.
Brilla! ist damit ein guter Vertreter eines modernen Prosecco‑Stils: hübsch anzusehen, aber nicht bloss Show. Der Inhalt hält mit dem Äusseren mit. In der Schweiz findest du ihn in der Regel bei DENNER im Regal. In Deutschland u.a. bei REWE.
Prosecco mit Stil
Prosecco ist heute definitiv mehr als ein spritziger Klassiker für den Apéro. Er steht für Herkunft, Stil und eine Genusskultur, die leicht wirkt aber nicht oberflächlich ist. Gerade darum ist er so beliebt: Er bleibt zugänglich, ohne banal zu werden.
Brilla! von Botter zeigt, wie modern Prosecco heute auftreten kann, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Und genau das ist vielleicht das Schönste an diesem Wein: Er erinnert uns daran, dass Genuss nicht kompliziert sein muss, um gut zu sein. Ein gutes Glas Prosecco reicht manchmal völlig aus.
Phylloxera, die kleine Laus, die der Weinwelt eine Ohrfeige verpasst hat.
Du nippst genüsslich an deinem Glas Pinot Noir, alles ist friedlich und irgendwo im 19. Jahrhundert läuft eine gelbliche Mini-Laus durchs Wurzelwerk und denkt sich: „Heute ruiniere ich mal einen Kontinent!“ Diese Laus heisst Phylloxera, auf Deutsch netterweise „Reblaus“ was fast ein wenig charmant tönt, aber so ziemlich der Endgegner der Weinwelt war.
Wer ist diese Reblaus eigentlich?
Phylloxera ist botanisch korrekt Daktulosphaira vitifoliae, klingt wie ein böser Zauberspruch, ist aber „nur“ ein Insekt aus der Familie der Zwergläuse. Winzig, gelblich und nur 0.3 bis 1.5 Millimeter gross, mit einem klaren Hobby: Reben piesaken.
Sie stammt aus Nordamerika, wo die einheimischen Wildreben gelernt haben, mit ihr zu leben. Da hat sie lange ein eher unauffälliges Dasein geführt, so wie die eher unscheinbare Kollegin im Büro, die irgendwann die halbe Firma umstrukturiert.
Wie sie die Rebe fertig macht
Die Reblaus führt ein Doppelleben, von dem jede Netflix-Serie nur träumen kann. Ein Teil ihres Lebens spielt sich an den Blättern ab wo sie kleine Gallen verursacht, also knubbelige Auswüchse. Nervig, aber nicht tödlich.
Richtig dramatisch wird es an den Wurzeln:
Die Laus sticht die Wurzeln an und saugt sich voll.
Es bilden sich Wucherungen und Wunden, in die Pilze und Bakterien eindringen können.
Die Rebe kann immer schlechter Wasser und Nährstoffe aufnehmen.
Von aussen sieht sie erst „ein bisschen schwach“ aus und dann ist Schicht im Schacht.
Das Perfide daran ist, dass die Rebe nicht spektakulär über Nacht die Storzen obsi kehrt (stirbt), sondern langsam aber garantiert. Wie ein ganz schlechter Beziehungsabbruch, nur eben im Rebberg.
Die grosse Weinbau-Soap im 19. Jahrhundert
Mitte des 19. Jahrhunderts (um 1860) schafften es ein paar unscheinbare, wilde Rebstöcke aus Amerika nach Europa, inklusive blinden Passagieren an den Wurzeln. In Südfrankreich ging’s dann los: Reben welkten, Weinberge starben, Winzer verzweifelten.
Und dann passierte folgendes: Die Reblaus marschierte quer durch Frankreich, weiter nach Deutschland, Italien, Spanien, bis nach Österreich und darüber hinaus. Ganze Existenzen gingen den Bach runter, Regionen verloren quasi über Nacht ihre Grundlage. Die Verzweiflung war riesig.
Zeitgenossen haben das nicht umsonst als „Weinbaukatastrophe“ bezeichnet. Stell dir einfach vor, es gäbe plötzlich fast keinen (trinkbaren) Wein mehr. Genau. So schlimm!
Skurrile Ideen im Rebbau
Wenn Menschen in Panik geraten, wird es meistens ziemlich kreativ. Ein paar historische „Highlights“ der Reblaus-Bekämpfung:
Weinberge fluten: Wo Wasser war, konnte die Reblaus nicht überleben, leider auch so manche Rebe nicht.
Gift in den Boden pumpen (z.B. Schwefelkohlenstoff): Hat die Laus umgebracht, war aber nur knapp davor, auch die Winzer mit umzunieten.
Esoterik im Rebberg: Vergrabene Kröten, Zaubersprüche, allerlei „Geheimrezepte“.
Nichts davon war wirkungsvoll.
Die geniale (und bis heute gültige) Lösung
Die Rettung kam durch eine Idee, die zunächst fast blasphemisch klang: Wenn die amerikanischen Reben die Reblaus aushalten, warum nicht einfach deren Wurzeln nutzen?
Der Botaniker Jules Émile Planchon war einer der Ersten, die systematisch amerikanische Reben als Unterlage vorschlugen, nachdem ihm aus den USA reblausresistente Reben zugesandt worden waren.
1869 formulierte Leo Laliman in Frankreich explizit den Lösungsweg, nämlich Reben europäischer Sorten auf reblaustolerante Unterlagen (insbesondere amerikanische Wildreben) zu pfropfen. Diese praktische Idee setzte sich schliesslich weltweit durch und bildet bis heute die Grundlage des Weinbaus.
Oben: Europäische Edelrebe (Vitis vinifera), also dein geliebter Pinot, Merlot, Barbera, Vermentino, Riesling & Co.
In der Mitte: Die Veredelungsstelle, quasi der chirurgische „Handshake“ zwischen zwei Welten.
Das Ergebnis: Die Laus kann zwar noch an den Wurzeln knabbern, aber die amerikanische Wurzel sagt: „Netter Versuch“, bleibt am Leben und die europäische Rebe obenrum liefert weiterhin Wein. Deshalb sind heute fast alle Reben der Welt gepfropft.
Phylloxera heute, immer noch da, aber gebändigt
Ganz verschwunden ist die Reblaus nie. Sie existiert weiter (auch in Europa) aber dank der Verwendung amerikanischer Unterlagsreben ist sie heute vom Albtraum zum kontrollierten Risiko geworden.
Die Winzer sprechen noch heute respektvoll über diesen Wendepunkt. Ohne den genialen Einfall von Planchon und Laliman wäre unser Weinbau – und damit auch mein Berufsleben – kaum vorstellbar gewesen.
Heute tauche ich noch ä chli tiefer in die Welt des Garnacha und der D.O.’s ein. Du weisst ja als treuer Leser und Leserin, dass ich im Juni 2025 auf einer mega spannenden Pressereise im Garnachaland war.
Die Reise war Teil der von der EU kofinanzierten Kampagne The EU Fab 6 – Savour the PDO and PGI Wines and Deli Meats From Europe (2024–2027).
Ziel dieser Initiative ist es, die europäischen Qualitätssiegel bekannter zu machen und die Lust auf authentische Produkte mit Herkunft und Geschichte zu wecken. Gleichzeitig soll sie die Wettbewerbsfähigkeit und den Genuss der geschützten Weine und Delikatessen stärken – insbesondere in den beiden Zielländern Grossbritannien und Schweiz.
Ich wurde gefragt, ob ich nicht bizzi mehr über die Traube herself und die D.O.’s schreiben könnte. Natürlich kann ich! Sofort hole ich mir ein Glas gekühlten Garnacha dazu, haue in die Tasten und mach dich so richtig gluschtig auf diese tolle Traube und ihre „Denominacion Origen“.
Garnacha und ihre farbige Reise: Von spanischen Siestas bis zur australischen Grillparty
„Wer hat’s erfunden?“ Die Schweizer nicht, aber wenigstens gesteht die Garnacha – auch bekannt als Grenache wenn sie sich französisch fühlt, oder Cannonau falls sie die Sardin in sich herauslässt – woher sie kommt: Aus Aragon, Nordost-Spanien. Dort macht sie es sich schön gemütlich in der Sonne, zieht sich die trockene Mittelmeer Luft rein, trotzt Wind und Kälte und sagt: „Meine Wurzeln bleiben hier, bis die Krone von Aragón irgendwann Party macht und mich nach Südfrankreich, Korsika, Sardinien, Italien, Kroatien und sogar nach Griechenland schleppt.“ Diesem Wunsch wurde entsprochen und sie reiste tatsächlich bis ins ferne Griechenland.
Aber hey, richtige Trauben sind flexibel! Im 18. und 19. Jahrhundert machte Garnacha internationale Karriere, es ging ab nach Australien, Nordafrika, Kalifornien. Fehlt eigentlich nur noch, dass sie sich ein Instagram-Profil zulegt.
Die Winzer zuhause in Spaniens D.O.’s – Calatayud, Campo de Borja, Cariñena, Terra Alta und Priorat – sagen heute: „Du bist nicht nur robust, du bist Charakter pur. Eigentlich wie unsere Lieblings-tita (Tante): Manchmal schwierig, aber immer herzensgut.“
Alte Reben? Nix da! Die Reblaus (Phylloxera, der Bösewicht der Weinwelt) hat im 19. Jahrhundert alles kurz und klein gemacht. Aber keine Sorge: Die ältesten Garnacha-Reben hüpfen heute noch munter durchs Weinleben, manche bis zu 120 Jahre alt. Junge Reben? Davon gibt’s auch genug, ist ja schliesslich ein Familienbetrieb!
Was macht Garnacha so besonders? Sie ist die Traube mit der „Stehaufmännchen-Garantie“: Während andere sich im hohen Alter über schwindende Vitalität beklagen, sagt Garnacha: „Jetzt erst recht!“ Und schenkt uns Weine, die so viel Charakter und Tiefe haben, dass selbst der mondäne Sommelier beeindruckt nicken muss.
Also, liebe Weinfreunde, ein Hoch auf die Garnachatraube! Sie macht nie Drama, nur grossartigen Wein!
Garnacha – egal ob rot, weiss, rosé, spritzig oder sogar als Likörwein – hat einige Vorteile und gleichsam kleine Tücken.
Wachsen ist jetzt nicht gerade ein Hexenwerk, der Rebstock macht das ganz gut mit. Aber wehe das Terroir spielt nicht mit! Garnacha reagiert sehr empfindlich auf Umweltfaktoren und will schon genau die richtigen Bedingungen und Pflege, damit sie uns Weine schenkt, die von „geht so“ zu „WOW!“ wechseln. Historisch wurde sie oft mit anderen Trauben gepaart, quasi als das Sahnehäubchen auf Weinen mit viel Tannin oder Farbe, damit’s auch richtig aromatisch und fruchtig wurde. Ein bisschen harmonisieren, balancieren, pimpen, das ist eine Kunst die unsere europäischen Winzer wirklich draufhaben!
Garnacha-Fans behaupten sogar, sie sei die „ökologischste“ Traube der Welt. Warum? Weil sie wie gemacht ist fürs Überleben in supertrockenen Gefilden und deshalb prima mit umweltfreundlichen Weinberg-Methoden klar kommt. Late Bloomer sag ich nur: Sie braucht Hitze und Trockenheit, am besten das windige, kontinentale Mittelmeerklima ihrer Heimat. Und dieser starke Holzstamm, der ist the Bodyguard gegen Wind wie den spanischen Cierzo oder den Tramontana. Die bringen frische Luft, halten die Trauben gesund und frei von Fäule und Krankheit.
Alte Reben in den Weingärten Nordostspaniens? Jackpot! Die werfen zwar weniger Trauben ab, liefern dafür aber richtig konzentrierte, terroir-typische Weine, weil ihre Wurzeln mega tief gehen und aus dem Boden noch der kleinste Rest an Nahrung geholt wird. Winzer setzen mehr und mehr auf diese alte Garde, vor allem an kühleren, höher gelegenen Orten, wo die Säure erhalten bleibt und elegante, komplexe Weine entstehen, die auch prima reifen können.
Die spanischen Juwelen: Fünf Denominationen, die du kennen musst!
Spanien hat eine ganz spezielle Gabe: Es verpackt wunderbare Weine in regionale Schatzkästchen namens Denomination Origen, kurz D.O. Ich nehme dich gleich an die Hand und begleite dich auf eine kleine, aber feine Reise durch fünf spannende Weinregionen, in denen die Garnacha eine Hauptrolle spielt.
Calatayud
Hier im Nordosten Spaniens, mitten in Aragón, zeigt Calatayud wie viel Power in Garnacha stecken kann. Die Region schlängelt sich entlang der Ebro-Ebene und bringt Weine hervor, die dank der beträchtlichen Höhenlage und der kühlen Nächte eine tolle Frische behalten. Calatayud ist quasi der Geheimtipp für alle, welche gern kräftige aber elegante Rotweine mögen, die wenig Allüren machen und jede Menge Geschmack haben.
Campo de Borja
Liebevoll auch das „Land der Garnachas“ genannt, befindet sich Campo de Borja ebenfalls in Aragón. Sonnenverwöhnt und doch durch den kühlen Nordwind Cierzo angenehm temperiert, entstehen hier Weine mit kräftigen Farben und intensiven Aromen. Die Böden sind vielfältig und voller Mineralschätze – Kalk, Lehm, Ton und Quarzit – was den Weinen ein richtig spannendes, erdiges Fundament verleiht. Winzer hier verstehen Garnacha als echten Charakterdarsteller.
Cariñena
Cariñena, eine der ältesten D.O. Spaniens bringt Weine hervor, die tief in der spanischen Tradition wurzeln. Bekannt für ihre widerstandsfähigen Reben und die mineralischen Schieferböden, sind die Rotweine hier oft vollmundig und doch überraschend zugänglich. Mit Garnacha und der namensgebenden Rebsorte Cariñena entsteht eine perfekte Liaison aus Fruchtigkeit, Kraft und Bodenständigkeit.
Terra Alta
Weiter südlich, am Rande Cataluñas, ist Terra Alta ein echtes Juwel. Hier spielen nicht nur Garnacha, sondern auch Garnacha Blanca eine spannende Rolle. Die Region punktet mit ihrem kühlen mediterranen Klima und unterschiedlichsten Böden, von sandig bis lehmig, die den Weinen eine feine Würze und Frische schenken. Terra Alta ist perfekt für alle, die Weine mit Charakter, aber ohne Angeberattitüde lieben.
Priorat
Last but definitely not least: Das wohl berühmteste Kind im Quintett der Garnacha-Regionen. Priorat steht für pure Intensität, Finesse und Mineralität. Die steilen Terrassen und der seltene Schwarze Schieferboden namens „Llicorella“ zaubern Weine, die kraftvoll, komplex und altersstabil sind. Priorat-Weine sind die Rockstar-Weine Spaniens – charismatisch, voll Power, aber auch mit Tiefgang und Eleganz.
Diese fünf Denominationen sind wie ein Porträt einer Traube, die sich in fünf verschiedenen Outfits zeigt: vom lässigen Sommer-Look bis hin zum glamourösen Abenddress. Jede D.O. erzählt ihre eigene Geschichte, jede Flasche lädt dich ein auf eine Reise durch Landschaften, Kulturen und Geschmackserlebnisse. Und ich lade dich herzlich ein, dir ein paar Flaschen Weine, die nicht aus dem Priorat kommen, zu gönnen. Du wirst so begeistert sein wie ich!
Wenn du das nächste Mal einen Garnacha trinkst, denk also daran: Du hältst ein riesen Stück spanische Geschichte und Leidenschaft in deiner Hand.
Durch den Umzug hat es ein wenig länger gedauert, als ursprünglich geplant – das Schreiben dieses Blogposts.
Am 23. Oktober 2025, nur einen Abend vor dem grossen Umzug, gab es für mich noch einen ganz besonderen Leckerbissen: Ich wurde zum „Cheers & Cheese to EU“-Dinner-Event in Bern eingeladen – und zwar von Gambero Rosso. Da leuchtete mein Herz gleich ein bisschen heller, muss ich sagen. Natürlich konnte ich es nicht lassen, den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern von Gambero Rosso zu erzählen, dass ich einst bei ihrer Kochshow Questo l’ho fatto io dabei war. Leider, so sagten sie mir, existiert diese Sendung inzwischen nicht mehr.
Die Vertreter von Prosecco DOC und Grana PadanoDOP freuten sich sehr, dass ich Italienisch sprach – und so durfte ich den halben Abend lang meinen italienischen Teil aufleben lassen. Zuerst mit einem feinen Glas Prosecco und einem Apéro, das aus zwei unterschiedlich gereiften Grana Padano bestand (mehr dazu unten im Blog). Schon das allein war einfach köstlich.
Vertreter von Prosecco DOC und Grana Padano DOP
Es waren viele geladene Gäste da – und mega witzig fand ich, dass ich nicht nur als Bloggerin sondern auch Influencerin auf der Gästeliste stand. Eines der Highlights des Abends war für mich, vis-à-vis einer unglaublich spannenden Frau zu sitzen, die mit jedem Gespräch noch faszinierender wurde. Unsere Themen reichten von Grana Padano und Prosecco über Politik (da ist sie zuhause) bis hin zu ganz tiefen Lebensfragen. Besser hätte es gar nicht kommen können. Ich weiss, sie liest hier mit – darum ein grosses Dankeschön für den vergnüglichen Abend und die inspirierenden Gespräche!
Der Anlass war ein kleines Abrakadabra aus italienischem Flair, verführerischem Grana Padano und perlendem Prosecco – die perfekte Einstimmung auf einen neuen Lebensabschnitt.
Prosecco & Grana Padano – Eine prickelnde und würzige Liaison
Zwei italienische Klassiker, die nicht nur geschmacklich, sondern auch kulturell zusammengehören – wie Pizza und Amore, oder so. Und heute breche ich eine Lanze für beide. Denn viele sprechen nur von Parmigiano und noch mehr Menschen erzählen mir, Prosecco sei billig und sie würden lieber Champagner trinken. Nicht wegen des Geschmacks, sondern wegen des Preises.
Der Prosecco – funkelndes Sinnbild venezianischer Lebensfreude – wird aus der Rebsorte Glera gekeltert, vorwiegend in Venetien und Friaul. Sein Charakter ist leichtfüssig, aromatisch und stets von einer feinen, eleganten Perlage begleitet. Mal duftet er nach grünem Apfel, mal nach weissen Blüten, manchmal nach Birne oder Zitrone – aber immer nach Sommer im Glas.
Grana Padano hingegen ist der bodenständige, würzige Konterpart – mit einer Geschichte, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. In den Klöstern der Po-Ebene erfunden, galt er früh als Wunderwerk der Haltbarkeit. Sein Reiz liegt im Detail: Von der goldenen, harten Rinde bis zum letzten Brösmeli ist alles essbar und aromatisch. Die Rinde selbst, oft unterschätzt, eignet sich sogar hervorragend zum Mitkochen – in Suppen, Saucen oder Risotti zaubert sie eine tiefe, umami-reiche Note.
Wenn sich Frische und Würze begegnen
Was passiert also, wenn perlender Prosecco auf nussig-reifen Grana Padano trifft? Pure Harmonie. Die feine Säure und Spritzigkeit des Prosecco schneidet elegant durch die buttrig-salzigen Noten des Käses und hebt sie fast tanzend hervor. Besonders schön wird das Spiel, wenn du den Käse in kleine Stücke brichst, die langsam im Mund schmelzen – während das Prickeln des Prosecco alles wachküsst.
Je nach Reifegrad verändert sich der Charakter dieser Liaison:
Ein junger Grana Padano (9–16 Monate) passt wunderbar zu einem fruchtig-leichten Prosecco DOC.
Ein gereifter Grana Padano Riserva (über 20 Monate) verlangt nach mehr Tiefe – ideal mit einem Prosecco Superiore aus Valdobbiadene oder Asolo, wo die Hügel etwas mehr Körper in den Wein bringen.
Genuss mit Haltung
Sowohl Prosecco als auch Grana Padano tragen geschützte Herkunftsbezeichnungen (DOC bzw. DOP) – jeder Schluck und jeder Bissen steht für authentischen Geschmack einer ganz bestimmten Region Italiens. Beide Produkte stehen zudem für nachhaltige Herstellung, traditionelle Handwerkskunst und ein schönes Stück Alltagskultur.
Genau das macht sie zu idealen Botschaftern für Abende wie „Cheers & Cheese to EU“ – wo Essen weit mehr ist als nur Nahrung. Es ist Emotion, Erinnerung und Begegnung.
Der Event fand übrigens im total gemütlichen RistoranteDa Carlo in Bern statt. Die Küchencrew zauberte ein feines Menü, das komplett mit demselben Prosecco begleitet wurde – mit dem Ziel zu zeigen, dass Prosecco tatsächlich den ganzen Abend über ein guter Begleiter sein kann. Und das passte hervorragend: vom geschmolzenen Grana Padano über Trüffel aus dem Piemont, Steinpilze, Cranberries und Grünzeug, bis hin zum Kürbisrisotto, bei dem der Prosecco wunderbar die Zunge vom cremigen Fett befreite. Sogar zum Hirschfilet an Cranberrysauce und einer Grana-Padano-Reduktion harmonierte er perfekt.
Nur zum Abschluss mit dem Tiramisù war dann doch der Espresso der würdigere Begleiter. Bis dahin war ich schon so voll, dass ich es schlicht nicht fertig mampfen konnte. Exgüsee in die Küche!
Ein Geschenk für die Sinne
Insgesamt ein grossartiger Abend voller Eindrücke – und das Geschenk der beiden Protagonisten setzte dem Ganzen das Perlhäubchen auf: Eine Stofftasche mit einer Flasche Prosecco und einem grossen Stück Grana Padano. Beides wurde beim Umzug mit Bedacht transportiert und wartet nun darauf, genossen zu werden.
Im letzten Blogpost habe ich dich ja bereits neugierig gemacht – mit den 100 Flaschen von Il Grappolo. Ich bin hingefahren, hab einen Parkplatz gesucht, bin rumgekurvt, habe gewartet ob einer frei wird. Nix. Mitten im Regen. Da die einzigen freien Parkplätze leider zu den umliegenden Einfamilienhäusern gehörten, beschloss ich schliesslich, wieder nach Hause zu fahren. Statt vieler Weine und Fachsimpelei mit Claudia, öffnete ich daheim eine Flasche Rotwein – und startete das Apéro mit meiner Hunde-hütenden Schwester.
Als Weinliebhaber achten wir meist auf Herkunft, Jahrgang und Rebsorte. Doch das, was später im Glas landet, entsteht lange bevor die Trauben den Keller oder die Flasche sehen – draussen im Rebberg. Und dort entscheidet sich, wie gut ein Wein am Ende wirklich wird.
Ich habe festgestellt, dass ich keinen einzigen Blogpost habe, in dem ich diesen Weg beschreibe! Wein über mein Haupt. Damit ist jetzt Schluss und hier kommt der detaillierte Weg: wie Wein entsteht.
Ein Rebberg ist wie ein sensibler Garten: Wer ihn das ganze Jahr hinweg mit Sorgfalt pflegt, wird am Ende mit Trauben belohnt, die das Beste aus sich herausholen können.
Das Jahr im Weinberg
Der Zyklus beginnt mitten im Winter, meist Anfangs Februar. Die Reben ruhen, die Erde ist oft hart und kalt, ideal, um die Stöcke zurückzuschneiden und sie auf den kommenden Austrieb vorzubereiten.
Im Frühling, um April/Mai, tritt ein magischer Moment ein: Die Reben „weinen“. Kleine Tropfen Saft treten an den Schnittstellen aus, ein Zeichen, dass das Leben in die Pflanze zurückkehrt. Dann folgen erste Knospen und Blätter – und wenn das Wetter mitspielt – die Blüte. Direkt danach sortiert der Winzer bei der „grünen Ernte“ aus: Überzählige oder schwache Fruchtansätze werden entfernt, damit die verbliebenen Trauben ihre ganze Kraft sammeln können.
Von da an heisst es: den Boden bearbeiten, die Reben erziehen, schützen und pflegen. Nur im August herrscht (normalerweise) eine kleine Verschnaufpause. Sobald der Zuckergehalt stimmt und die Säure gefallen ist, wird es Zeit für die Lese. Je nach Grösse des Weinguts, Stil und Ziel werden die Trauben entweder per Hand oder maschinell geerntet.
Die manuelle Lese ist besonders schonend, denn die Trauben werden sorgfältig ausgewählt und beschädigte Früchte aussortiert, das garantiert höchste Qualität und ist vor allem bei Spitzenweinen, steilen Hanglagen, kleineren Betrieben und Buschreben üblich. Allerdings ist diese Methode sehr zeit- und kostenintensiv und erfordert grosses Engagement der Erntehelfer.
Manuelle Traubenernte
Die maschinelle Ernte ist dagegen effizienter: Die Erntemaschinen greifen in die Reben und „rütteln“ die Trauben ab. Das funktioniert schnell und ist besonders bei grossen Flächen und flacher Geographie gängig. Allerdings kann es dabei vorkommen, dass auch weniger reife oder beschädigte Früchte und gelegentlich Fremdmaterial mitgelesen werden. Moderne Maschinen sind allerdings immer präziser und schonender geworden.
Maschinelle Traubenernte
In jedem Fall werden die Trauben möglichst zügig in den Keller gebracht, denn nur so bleiben ihre frischen Aromen und die erwünschte Qualität erhalten. Dort beginnt für die Früchte der nächste Abschnitt ihrer Reise.
Die erste Gärung – aus Saft wird Wein
Die erste Fermentation (Gärung) wird „alkoholische Gärung“ genannt. Zunächst werden die Beeren von den Stielen getrennt und in Gärtanks gefüllt. Diese Edelstahlbehälter sind temperaturkontrolliert, ein entscheidender Punkt, denn die Gärung sollte für Rotweine zwischen etwa 25° und 28°C liegen. In 8–10 Tagen wandelt die Hefe den Zucker in Alkohol um. Gleichzeitig lösen sich Farbe, Aromen, Tannine und andere Stoffe aus den Beerenschalen und Kernen.
Ist die Gärung abgeschlossen, wird der Jungwein vom Trester getrennt und schonend gepresst.
Alkoholische Fermentation
Nun beginnt die zweite Gärung – die malolaktische Fermentation.
Milchsäurebakterien verwandeln dabei die spitze Apfelsäure in mildere Milchsäure. Dieser Prozess, der mehrere Wochen dauert (ca. 2 Monate), macht den Wein überhaupt bekömmlich.
Reifen, verfeinern, vollenden
Nach der malolaktischen Gärung entscheidet das Team aus Kellermeister, Önologe und Winzer, wie der Wein weiter reifen soll. Möglich ist der Ausbau in Stahltanks, grossen Holzbottichen, Holzfässern, Tonneaus, kleinen Barriques – oder eine Mischung daraus. Jede Methode bringt ihre eigenen Aromen und Texturen mit sich. Bei jeder dieser Phasen wird der Wein immer wieder im Labor analysiert – Säure, Alkohol, Farbe, pH-Wert und vieles mehr. Das Ziel: Dem jungen Wein die besten Startbedingungen zu geben.
Ausbau im Holz
Wenn die gewünschte Reife erreicht ist, wird er filtriert (oder bewusst nicht) und abgefüllt. Manche Weine kommen sofort in den Verkauf, andere dürfen noch Monate oder sogar Jahre in der Flasche ruhen. Und dann – endlich – dürfen wir die Korken ziehen und Wein nicht nur trinken, sondern erleben.
Die Fermentation bei Weisswein – behutsam und frisch
Im Gegensatz zu Rotwein werden Weissweine meist ohne lange Maischegärung hergestellt. Nach der Lese gelangen die Trauben schnell in die Presse, wo sie schonend vom Saft getrennt werden. So bleiben Farbe und Gerbstoffe weitgehend gering, was den frischen, klaren Charakter des Weissweins bewahrt.
Der gewonnene Most wird anschliessend auch in temperaturkontrollierte Edelstahltanks gefüllt. Hier beginnt die alkoholische Gärung bei vergleichsweise kühlen Temperaturen, meist zwischen 12° und 18°C. Die moderate Wärme sorgt dafür, dass die fruchtigen Aromen erhalten bleiben und sich feine Nuancen entwickeln können. Je nach Traubensorte und gewünschtem Stil kann die Gärung mehrere Tage bis Wochen dauern.
Nach Abschluss der Gärung wird der Weisswein oft noch einige Zeit auf der Feinhefe gelagert, also auf den abgestorbenen Hefezellen. Dies gibt dem Wein mehr Komplexität, Fülle und manchmal auch eine leichte Cremigkeit.
Wie beim Rotwein folgt anschliessend die Entscheidung, ob der Wein ausschliesslich im Stahltank bleibt, in grossen Holzfässern oder teilweise im Barrique ausgebaut wird. Jede Variante bringt unterschiedliche Nuancen ins Glas, vom puren, frischen Trinkfluss bis hin zu einem vollmundigeren Charakter.
Auch bei Weissweinen sind regelmässige Kontrollen im Labor selbstverständlich, damit der Winzer jederzeit weiss, wie sich Säure, Alkohol und Aromen entwickeln und den Wein optimal begleiten kann.
Roséwein – die elegante Verbindung von Rot und Weiss
Rosé entsteht ganz bewusst aus roten Trauben, aber mit einer deutlich kürzeren Kontaktzeit zwischen Most und Beerenhäuten als beim Rotwein. Nach der Lese werden die Trauben in der Regel sanft gepresst, und der Saft bleibt nur wenige Stunden mit den Schalen in Berührung. So nimmt der Wein eine zarte, frische Farbe an – mal roséfarben, mal hellrot – und erhält zugleich eine feine Aromatik und fruchtige Frische.
Die anschliessende Gärung läuft ähnlich wie bei Weisswein in kühlen Temperaturen ab, wodurch die lebendigen Aromen bewahrt werden. Rosé vereint die Leichtigkeit und Fruchtigkeit von Weisswein mit einem dezenten Tanninspiel aus der roten Schale. Diese spannende Mischung macht Rosé zu einer äusserst beliebten und vielseitigen Weinart.
Eine Flasche Wein erzählt also immer die Geschichte eines ganzen Jahres. Vom stillen Winter über den heissen Sommer bis zum dampfenden Keller im Herbst – sie steckt in jedem Schluck.
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