Geschüttelt, nicht gerührt: Was ein Weinglas an einem Degustationstag erlebt

von | 9. Aug. 2025 | Weingeschichten

Dieser kurze Text entstand Gestern während des Sommer-Workshop „Kreatives Schreiben“. Wir bekamen die Aufgabe, aus der Sicht eines Gegenstandes zu schreiben. Ich habe mich für ein Weinglas, das den ganzen Tag für Degustationen eingesetzt ist, entschieden. Dafür hatten wir 10 Minuten Zeit. Ich bedanke mich hier bei den Kursteilnehmern, dass sie mich ermutigt haben ihn hier zu veröffentlichen.

Mein Gott Claudia! Ich kann nicht mehr. Der Morgen hat ja noch gut begonnen, ich war frisch, glänzend, fleckenlos – was ich ja sehr liebe – und mein erster Gast war eine seeehr teuer angezogene Dame. Ich fand schnell heraus, dass sie lediglich am Wein nippt und dass sie mich nur am Stiel hielt, gefiel mir gut. Immerhin keine blöden, fettigen Fingerabdrücke auf meinem schönen Bauch. Ah und sie hatte da so einen Trick drauf! Statt mich mit ihrem Lippenstift vollzusauen hat sie immer kurz die Zunge über den Glasrand gezogen. Ok, war jetzt auch nicht so prickelnd aber wie gesagt, dafür keine farbigen Spuren an mir. Den Inhalt schüttete sie meistens weg und war mehr besorgt wohin sie ihre teure Hermès Tasche stellte. Wenn das so weiter gegangen wäre, hätte mir das gefallen. Aber jetzt Claudia, jetzt ging es so richtig zur Sache. Es wurde laut, hektisch, ich wurde rumgeschubst und dann bekam ich ein Hitzeflash und bis ich wieder abgekühlt war. Das dauerte ja auch lange in dieser Waschmaschine. Du weisst ja wie das ist. Naja! Berufsrisiko würde ich meinen.

Der ältere Herr, dem ich dann anvertraut wurde, war dann alles andere als angenehm. Er stiess mich fast um, meinen Stiel ignorierte er und hat mich dafür pausenlos am Bauch gehalten. Ich habe danach ausgesehen, als hätte man mich mit Frittieröl eingerieben. Ecklig!! Für meinen Inhalt hatte er auch so rein gar nix übrig. Bei jedem feinen Tropfen lamentierte er, dass sei ein typischer Frauenwein, oder so ein Gesöff habe er schon lange nicht mehr zugemutet bekommen und dennoch schüttete er sich bis auf den allerletzten Tropfen, jeden Wein hinter die Binde. Durch mein trübes Auge konnte ich den Winzer noch gerade so erkennen, wie er seinen Unmut herunterschluckte aber aus Anstand nichts sagte. Er fing dann nur an, mir nur noch paar Tropfen Wein zu geben, damit der Herr nicht mehr so viel trinken konnte. Gut gemacht!

Die Wäscherei danach kam mir dann – trotz der Hitze – gelegen. Ich wurde das ganze Fett los und der Herr war somit auch Geschichte. Danach bekam ich noch einen jungen Mann zugeteilt und der war sooo süss! Er hatte keine Ahnung von Wein degustieren, ich habe ihm immer mal wieder zugeblinzelt, mit meinem perlenden Lachen versucht sein Interesse zu wecken. Aber er stellte mich mehr auf den Tresen und quatschte mit seiner ausgesprochen hübschen Begleitung. Ganz ehrlich wurde es mir dann ein wenig langweilig und ich habe versucht, mich an ihn zu schmeissen. Was mir auch gut gelungen ist! Sein Hemd war danach so rot, wie ich in der Waschmaschine.

Der Winzer hat dem zum Glück ein Ende gesetzt und mich ins Regal gestellt. Direkt neben dich Claudia. Nun denn, dein Tag war ja auch speziell mit deiner Weiberrunde. Erzähl mir davon!

Christina Wespi

"Weinmomente" - der Newsletter

Melde dich für die "Weinmomente" an und lass dir regelmässig ein Glas Inspiration ins Postfach einschenken: ehrlich, ungeschönt und mit einer Prise Weinweib-Humor. 

Juhu, fast geschafft! 🥂 Schau jetzt schnell in dein Postfach – da wartet eine E-Mail, die nur darauf brennt von dir bestätigt zu werden. Klick drauf und schon bist du offiziell Teil der „Weinmomente“-Crew. Prost auf viele genussvolle News! 🍷