Mittwoch ist bei Weinweib Wissensmittwoch. Also nicht „Ich hatte drei Gläser Wein und eine Meinung“, sondern „Ich hatte drei Gläser Wein, eine Meinung und dann habe ich nachgelesen“. Heute geht es um PiWi. Diese Reben, die klingen wie ein neuer Fitnessdrink, in Wirklichkeit aber ziemlich viel mit der Zukunft des Weinbaus zu tun haben.
Und nein, PiWi ist kein Trend, der verschwindet, sobald der nächste Orange Wine Hype durch ist. PiWi bleibt. Wie überbackenes Baguette im Bistro und ein Glas Chardonnay beim Apéro.
Was zum Geier ist PiWi?
PiWi steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Also Reben, die von Natur aus weniger Probleme mit Krankheiten wie echtem und falschem Mehltau haben und auch mit Graufäule besser zurechtkommen. Man kann sich das vorstellen wie Reben mit einem stärkeren Immunsystem, der Winzer muss weniger eingreifen und die Rebe erledigt einen Teil der Arbeit selbst.
Wichtig, PiWi ist kein eigener Geschmack. Es gibt kein spezielles „PiWi Aroma Rad“ und keine Formel, nach der PiWi immer gleich schmeckt. Im Glas sind PiWi Weine so unterschiedlich wie alle anderen auch, je nach Sorte, Lage, Ertrag, Ausbau und der Person, die dahintersteht.
Wenn dir also jemand sagt „Ich mag PiWi nicht“, frag zuerst „Welchen denn genau?“ Alles andere wäre, als würdest du nach einem schlechten Merlot behaupten, alle Rotweine seien schlecht.
Reben Drama, Wie PiWi entstanden ist
Kleiner Ausflug in die Geschichte. Erinnerst du dich an meinen Blogpost über die Reblaus? Dort habe ich erzählt, wie im 19. Jahrhundert die Reblaus nach Europa kam und riesige Teile des Weinbaus zerstört hat. Ganze Weinberge gingen zugrunde, Winzer waren verzweifelt und die Weinwelt musste sich neu sortieren.
Aus dieser Zuchtarbeit entstanden im Lauf der Zeit die modernen PiWi Sorten. Sie sind keine Produkte aus dem Labor, sondern Resultat klassischer Züchtung, über Jahre oder Jahrzehnte getestet, selektioniert, viele Kandidaten wieder verworfen, bis ein paar wenige wirklich überzeugt haben. Ein bisschen wie Dating im Rebberg, viele Versuche, bis es klick macht.
PiWi in der Schweiz, klein im Anteil, gross in der Wirkung
Jetzt wird’s lokal, Schweiz, PiWi, Weinweib, das ergibt eine spannende Kombination.
In der Schweiz stehen heute ein paar hundert Hektar PiWi Reben, etwa 3,5% der gesamten Rebfläche. Das klingt nach wenig, ist aber beachtlich, wenn man bedenkt, wie jung viele dieser Sorten sind. Während in einigen klassischen Regionen noch darüber gestritten wird, ob man überhaupt neue Reben zulässt, baut die Schweiz PiWi still und konsequent aus.
Mein Lieblingsbeispiel ist Luzern. Dort sind schon rund 40% der Rebfläche mit PiWi bepflanzt. Vierzig Prozent. Das ist nicht „Wir probieren mal etwas aus“, das ist „Wir haben verstanden, wohin die Reise gehen könnte“. Wenn du PiWi Weine probieren willst, darf Luzern auf deiner mentalen Karte gern rot markiert sein.
Auch im Wallis sind mehrere PiWi Sorten offiziell im AOC Katalog. Divico ist dort anerkannt, dazu kommen weitere robuste Sorten. Das heisst, PiWi steht nicht als „Versuchswein“ in der Ecke, sondern trägt Herkunftsnamen und gehört ganz normal ins Sortiment.

Die Schweizer PiWi Gang, Wer im Glas auftaucht
Damit es nicht abstrakt bleibt, hier ein paar PiWi Sorten, denen du früher oder später begegnen wirst.
- Divico, dunkler, kräftiger Rotwein aus einer Schweizer Neuzüchtung. Viel Farbe, sattes Tannin, deutliches Aromaprofil. Wenn Divico ein Mensch wäre, wäre er derjenige, der beim Raclette die Pfännchen übernimmt und dafür sorgt, dass alle satt und zufrieden sind.
- Divona, die weisse Schwester im PiWi Universum. Sie reift früh, zeigt Zitrusnoten, Rosen und manchmal einen leichten Tropen Touch. Ein idealer Apéro Wein, aber nicht darauf beschränkt. Perfekt für alle, die beim Probieren gern sagen „Was ist das, das ist spannend“.
- Cabernet Jura, roter PiWi, der in der Schweiz gut Fuss gefasst hat. Im Duft und Geschmack irgendwo zwischen Cassis, Sauerkirsche und einem Hauch Paprika, dazu eine solide Struktur. Ein schönes Beispiel dafür, dass PiWi durchaus klassisch wirken kann.
- Regent, international einer der bekannten PiWi Vertreter, auch im Wallis vorhanden. Viel Farbe, dunkle Frucht, oft im Cuvée eingesetzt. Regent ist der Bandkollege, der nicht auf dem Plakat vorne drauf ist, aber den Sound zusammenhält.
- Johanniter, weisse PiWi Sorte mit frischer Zitrusaromatik und etwas Pfirsich. Gut geeignet für biologisch bewirtschaftete Weinberge. Ein Wein, der sich entspannt wegtrinkt, ohne laut zu sein, ideal für heisse Tage und unkomplizierte Abende.
- Solaris, reift früh und zeigt Aromatik von Zitrus bis tropischer Frucht. Aus guten Lagen können sehr konzentrierte Weissweine entstehen. Solaris ist ein starkes Argument dafür, dass PiWi keine Notlösung, sondern eine echte Stilentscheidung sein kann.
- Muscaris, verwandt mit Muscat, also Blumigkeit, Gewürz und Frucht. Entweder man liebt diesen Stil oder man denkt „Das ist mir zu viel“. In guten Händen kann Muscaris aber richtig Spass machen und bietet spannende Möglichkeiten beim Foodpairing.
- Souvignier Gris, rosafarbene Trauben, meist weiss gekeltert. Exotische Frucht, angenehme Säure und ideal für Winzer, die gerne ein bisschen aus dem gewohnten Schema ausbrechen.
Dazu kommen viele weitere PiWi Sorten auf kleineren Flächen, Bianca, Bronner, Léon Millot, verschiedene Cabernet Kreuzungen und mehr. Eine ideale Spielwiese für Degustationen, bei denen man am Ende denkt „Warum steht da nicht einfach Achtung, macht süchtig?“ Gäu das ist mega spannend!
Wo diese Reben stehen und wo du hinfahren kannst
PiWi in der Schweiz passiert nicht im Hinterzimmer eines Labors, sondern mitten in realen Weinlandschaften.
- In Luzern, wo fast die Hälfte der Rebberge bereits PiWi ist, eine Region, die sich hervorragend für eine PiWi Tour eignet.
- Im Wallis, wo PiWi Sorten AOC Status haben und mit Namen wie Divico, Regent, Solaris oder Johanniter in der Herkunftsliste auftauchen.
- Am Zürichsee, zum Beispiel im Rebberg der Martin Stiftung, wo ausschliesslich PiWi angebaut wird, Cabernet Noir, Cabernet Jura, Divico und andere.
- In St. Gallen, wo Betriebe wie Bosshart + Grimm PiWi in spannender Topographie einsetzen.
- Im Aargau, wo FiBL PiWi im Rahmen von Forschungsprojekten und Praxiserfahrungen ins Glas bringt, Weinbau der Zukunft zum Probieren.
- In Genf, wo Sorten wie Divico und Divona nach und nach ihren Platz finden und man Entwicklungen sehr gut über mehrere Jahrgänge beobachten kann.
Und wie schmeckt das jetzt, die grosse PiWi Frage
Vielleicht fragst du dich inzwischen „Alles schön und gut, aber schmeckt das?“ Die Antwort ist, es kommt darauf an, wie bei jedem Wein. Es gibt PiWi Weine, die völlig vertraut wirken, in einer Blindprobe würdest du kaum auf die Idee kommen, dass es sich um eine besondere Sorte handelt. Andere wirken eigenständiger, mit neuen Aromabildern, die man erst einordnen muss. Wieder andere sind noch in einer Art Findungsphase, die Sorte ist jung, der Winzer probiert, das Ergebnis ist interessant, manchmal aber noch etwas unruhig.
Für Menschen, die gerne degustieren, ist PiWi eine Einladung, das eigene Bewertungsraster etwas zu lockern, weniger feste Regeln, mehr Offenheit. Die Weinwelt verändert sich, Themen wie Biodiversität, Klimaveränderung und Ressourcen sind nicht mehr theoretisch. Es wäre seltsam, wenn die Reben darauf gar nicht reagieren würden.
Was du mit PiWi machen kannst
Für mich ist PiWi keine neue Schublade im Shop, sondern eine sehr dankbare Spielwiese.
- PiWi Vertikale, gleiche Sorte, gleiche Region, verschiedene Jahrgänge, so spürst du, wie sich eine PiWi Rebe über die Jahre entwickelt.
- PiWi vs. Klassiker, Divico neben Pinot Noir, Divona neben Chasselas, nicht als Wettbewerb, sondern als Gespräch im Glas, was verändert sich, was bleibt ähnlich.
- Foodpairings, Muscaris zu orientalischer Küche, Solaris zu alpinen Käsen, Divico zu dunkler Schweizer Schokolade, hier ist viel Raum für neugieriges Probieren.
Und natürlich Geschichten, Winzer, die bewusst umdenken, Böden, die davon profitieren, Landschaften, die nicht von kurzfristigen Lösungen leben. PiWi ist nicht nur eine Rebsorte, PiWi ist ein Statement, wie Weinbau auch aussehen kann.
PiWi Shopping Tipps
Damit du nicht nur liest, sondern auch probieren kannst, hier ein paar Adressen, wo PiWi in Flaschen gefüllt auf dich warten.
- Solaris, Souvignier Gris, Seyval Blanc und Les Cabernets von Bosshart + Grimm und FiBL über den amiata Onlineshop.
- Divico „Nachtreiher“ und Solaris Süsswein von Diroso im eigenen Diroso PiWi Shop.
- Burg Rheineck, Léon Millot vom Weingut am Steinig Tisch, Roman Rutishauser, in Thal.
Dunkel, dicht, würzig fruchtig, mit der Süsse reifer Früchte und einem Jahr im kleinen Holz, direkt beim Weingut am Steinig Tisch, Burg Rheineck Léon Millot. Ein PiWi, der nicht Experiment sagt, sondern, ich bin da, setz dich hin und hör zu. Fun Fact, diesen Wein hatten wir während der ganzen Zeit, in der wir unseren eigenen Online Shop geführt haben, im Sortiment, so etwas wie unser heimlicher PiWi Hauswein. Roman's Weine können wir übrigens sehr empfehlen! Da ist pure Handarbeit mit Leidenschaft und Weinwissen kombiniert.
Am Ende von all dem bleibt für mich vor allem eines, PiWi Reben sind kein exotischer Nebenschauplatz, sondern ein ernstzunehmender Vorgeschmack auf den Weinbau der Zukunft, nicht laut, nicht spektakulär inszeniert, aber mit dem stillen Selbstbewusstsein von Reben, die sagen, wir kommen klar, auch wenn das Klima nicht mehr so nett ist wie früher.
Für uns im Glas heisst das, neugierig bleiben. Nicht jede PiWi Flasche wird zur grossen Liebesgeschichte, aber viele sind genau das, was wir gesucht haben, ohne es zu wissen, spannend, robust und manchmal charmant unperfekt. Und ja, hin und wieder auch eine Sorte, bei der man denkt, bitte mehr davon.
Wenn du das nächste Mal vor einem Gestell oder im Onlineshop stehst und wählen musst zwischen „kenn ich, trink ich immer“ und einer PiWi Flasche mit unbekanntem Namen, gib der neuen Sorte eine Chance. Vielleicht ist genau dieser Wein der Moment, in dem du merkst, wie spannend es sein kann, wenn der Blick ein Stück über die üblichen Verdächtigen hinausgeht.
