Phylloxera, die kleine Laus, die der Weinwelt eine Ohrfeige verpasst hat.
Du nippst genüsslich an deinem Glas Pinot Noir, alles ist friedlich und irgendwo im 19. Jahrhundert läuft eine gelbliche Mini-Laus durchs Wurzelwerk und denkt sich: „Heute ruiniere ich mal einen Kontinent!“ Diese Laus heisst Phylloxera, auf Deutsch netterweise „Reblaus“ was fast ein wenig charmant tönt, aber so ziemlich der Endgegner der Weinwelt war.
Wer ist diese Reblaus eigentlich?
Phylloxera ist botanisch korrekt Daktulosphaira vitifoliae, klingt wie ein böser Zauberspruch, ist aber „nur“ ein Insekt aus der Familie der Zwergläuse. Winzig, gelblich und nur 0.3 bis 1.5 Millimeter gross, mit einem klaren Hobby: Reben piesaken.
Sie stammt aus Nordamerika, wo die einheimischen Wildreben gelernt haben, mit ihr zu leben. Da hat sie lange ein eher unauffälliges Dasein geführt, so wie die eher unscheinbare Kollegin im Büro, die irgendwann die halbe Firma umstrukturiert.
Wie sie die Rebe fertig macht
Die Reblaus führt ein Doppelleben, von dem jede Netflix-Serie nur träumen kann. Ein Teil ihres Lebens spielt sich an den Blättern ab wo sie kleine Gallen verursacht, also knubbelige Auswüchse. Nervig, aber nicht tödlich.
Richtig dramatisch wird es an den Wurzeln:
- Die Laus sticht die Wurzeln an und saugt sich voll.
- Es bilden sich Wucherungen und Wunden, in die Pilze und Bakterien eindringen können.
- Die Rebe kann immer schlechter Wasser und Nährstoffe aufnehmen.
- Von aussen sieht sie erst „ein bisschen schwach“ aus und dann ist Schicht im Schacht.
Das Perfide daran ist, dass die Rebe nicht spektakulär über Nacht die Storzen obsi kehrt (stirbt), sondern langsam aber garantiert. Wie ein ganz schlechter Beziehungsabbruch, nur eben im Rebberg.
Die grosse Weinbau-Soap im 19. Jahrhundert
Mitte des 19. Jahrhunderts (um 1860) schafften es ein paar unscheinbare, wilde Rebstöcke aus Amerika nach Europa, inklusive blinden Passagieren an den Wurzeln. In Südfrankreich ging’s dann los: Reben welkten, Weinberge starben, Winzer verzweifelten.
Und dann passierte folgendes: Die Reblaus marschierte quer durch Frankreich, weiter nach Deutschland, Italien, Spanien, bis nach Österreich und darüber hinaus. Ganze Existenzen gingen den Bach runter, Regionen verloren quasi über Nacht ihre Grundlage. Die Verzweiflung war riesig.
Zeitgenossen haben das nicht umsonst als „Weinbaukatastrophe“ bezeichnet. Stell dir einfach vor, es gäbe plötzlich fast keinen (trinkbaren) Wein mehr. Genau. So schlimm!
Skurrile Ideen im Rebbau
Wenn Menschen in Panik geraten, wird es meistens ziemlich kreativ. Ein paar historische „Highlights“ der Reblaus-Bekämpfung:
- Weinberge fluten: Wo Wasser war, konnte die Reblaus nicht überleben, leider auch so manche Rebe nicht.
- Gift in den Boden pumpen (z.B. Schwefelkohlenstoff): Hat die Laus umgebracht, war aber nur knapp davor, auch die Winzer mit umzunieten.
- Esoterik im Rebberg: Vergrabene Kröten, Zaubersprüche, allerlei „Geheimrezepte“.
Nichts davon war wirkungsvoll.
Die geniale (und bis heute gültige) Lösung
Die Rettung kam durch eine Idee, die zunächst fast blasphemisch klang: Wenn die amerikanischen Reben die Reblaus aushalten, warum nicht einfach deren Wurzeln nutzen?
Der Botaniker Jules Émile Planchon war einer der Ersten, die systematisch amerikanische Reben als Unterlage vorschlugen, nachdem ihm aus den USA reblausresistente Reben zugesandt worden waren.
1869 formulierte Leo Laliman in Frankreich explizit den Lösungsweg, nämlich Reben europäischer Sorten auf reblaustolerante Unterlagen (insbesondere amerikanische Wildreben) zu pfropfen. Diese praktische Idee setzte sich schliesslich weltweit durch und bildet bis heute die Grundlage des Weinbaus.
Der Trick ging so:
- Unten: Amerikanische, reblausresistente Unterlagsrebe.
- Oben: Europäische Edelrebe (Vitis vinifera), also dein geliebter Pinot, Merlot, Barbera, Vermentino, Riesling & Co.
- In der Mitte: Die Veredelungsstelle, quasi der chirurgische „Handshake“ zwischen zwei Welten.
Das Ergebnis: Die Laus kann zwar noch an den Wurzeln knabbern, aber die amerikanische Wurzel sagt: „Netter Versuch“, bleibt am Leben und die europäische Rebe obenrum liefert weiterhin Wein. Deshalb sind heute fast alle Reben der Welt gepfropft.
Phylloxera heute, immer noch da, aber gebändigt
Ganz verschwunden ist die Reblaus nie. Sie existiert weiter (auch in Europa) aber dank der Verwendung amerikanischer Unterlagsreben ist sie heute vom Albtraum zum kontrollierten Risiko geworden.
Die Winzer sprechen noch heute respektvoll über diesen Wendepunkt. Ohne den genialen Einfall von Planchon und Laliman wäre unser Weinbau – und damit auch mein Berufsleben – kaum vorstellbar gewesen.
