Nach zehn Degustationen ist man noch lange kein Profi, aber man kann seinen Weingeschmack verdammt gut kennenlernen. Weg von „Den trinken aber alle!“ hin zu „Was macht mir ganz persönlich Spass im Glas?“.
Dein Weingeschmack nach zehn Degustationen
Du hast dich durch etwa zehn Degustationen getrunken, mal im Fachhandel, beim Winzer, mal an einer Messe oder zuhause mit Freunden. Anfangs fühlte sich alles gleich an: Weiss, Rosa, Rot, bisschen Säure, bisschen Frucht. Und irgendwann merkst du: Es wiederholen sich Muster.
- Da ist dieser Rotwein, der dir immer „zu streng“ vorkommt, kantig, trocken im Mund.
- Dann der Weisswein, bei dem du gedanklich sofort im Sommer im Garten sitzt, mit einer Schale Aprikosen vor dir.
- Vielleicht ein Rosé, der dich an Ferien am Meer erinnert, Salzluft und Antipasti.
Ohne dass du es merkst, baut dein Hirn eine interne Wein‑Bibliothek. Es ist genau das gleiche Prinzip wie bei Musik: Du musst keine Noten lesen können, um zu wissen, welche Songs du liebst. Nach zehn Degustationen hast du einen ersten „Soundtrack“ deines Weingeschmacks.
Aromen sind persönlich – denn dein Hirn kann das
Einer meiner wichtigsten Sätze an Weintourkunden war immer „Die Aromen im Wein sind persönlich“. Sie sind mit Erinnerungen verknüpft, mit Kindheit, den Ferien, der Küche deiner Grossmutter, einem Nachmittag im Wald.
Wenn du im Wein „Erdbeere“ riechst, riechst du nicht „die“ Erdbeere, sondern deine Erdbeere. Vielleicht die aus dem Garten deiner Eltern, vielleicht das Erdbeersoftice im Sommer. Andere sagen „Himbeerbrause“, „Hagebuttentee“ oder „nasser Stein“. Und alle haben recht, weil du nicht einen akademischen Katalog durchgehst, sondern dein Erinnerungsarchiv.
Unser Hirn ist dabei ein Aroma‑Genie, es kann Düfte extrem gut erkennen und voneinander unterscheiden, lange bevor wir die Worte dafür finden. Darum wirken Degustationen am Anfang so überfordernd, nicht, weil du nichts kannst, sondern weil du schneller wahrnimmst, als du benennen kannst.
Die gute Nachricht, du musst nicht „richtig“ beschreiben. Es reicht, dass du wiedererkennst: „Ah, das ist diese Sorte von Fruchtigkeit, die ich mag.“ Genau so entsteht dein Weingeschmack.
Warum reinsortige Weine am Anfang Gold wert sind
Für Einsteiger predige ich immer, fangt mit reinsortigen Weinen an. Also Weine, die hauptsächlich aus einer Traubensorte bestehen (oder klar deklariert sind).
Der Grund ist einfach:
- Ein reinsortiger Pinot Noir zeigt dir ziemlich klar, wie sich diese Traube anfühlt, feiner, leichter, rote Früchte, etwas Säure.
- Ein reinsortiger Merlot wirkt runder, weicher, dunklere Frucht, weniger Kanten.
- Ein reinsortiger Sauvignon Blanc ist häufig sehr aromatisch, grasig, Zitrus, vielleicht Chrosle (Stachelbeere).
Nach ein paar Degustationen merkst du:
- „Immer wenn Pinot Noir draufsteht, werde ich glücklich.“
- „Merlot ist mir oft zu weich/langweilig.“
- „Sauvignon Blanc ist mir zu laut in der Nase.“
So beginnt dein persönlicher Rebsorten‑Kompass. Du musst kein Lexikon im Kopf haben, du merkst einfach: Diese Traubensorte fühle ich, diese eher nicht.
Assemblage bäää? Traubensorte im Visier!
Jetzt kommt der spannende Teil, du trinkst eine Assemblage – eine Cuvée = verschiedene Traubensorten im selben Wein – und findest den Wein: bäää. Kein anderer am Tisch versteht das, aber für dich stimmt irgendetwas nicht. Statt zu denken „Ich bin wohl heikel“ oder „Wein ist nichts für mich“, lohnt sich ein Blick aufs Etikett – welche Traubensorten sind drin?
Vielleicht siehst du: Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah. Und du erinnerst dich: „Moment, den reinsortigen Syrah mochte ich schon nicht.“ Sehr oft ist es genau diese Sorte, die in Assemblagen wieder denselben Trigger auslöst. Dein Hirn erkennt die Aromakomponenten, bevor dir das bewusst ist. Es ist wie ein geheimer Sensor: „Diesen Pfeffer, dieses Rauchige, dieses Bittere kenne ich und mag ich nicht!“
Gleiches gilt natürlich auch andersrum: Wenn du Pinot Noir liebst, wirst du wahrscheinlich auch Cuvées mögen, in denen Pinot eine wichtige Rolle spielt. Du fühlst dich sofort „zu Hause“ im Glas.

Wie du deinen Geschmack bewusst festhalten kannst
Nach zehn Degustationen bist du an einem Punkt, an dem du aus dem Bauchgefühl eine erste Orientierungskarte machen kannst.
Hier ein kleiner Leitfaden:
1. Notiere dir Lieblings‑ und „No‑Go“‑Weine
Kein Roman, nur kurz: Name, Region, Jahrgang, Traubensorten und ein Satz wie „mag ich wegen der Frische“ oder „zu schwer/kantig“.
2. Achte auf wiederkehrende Rebsorten
Schau dir an, welche Traubensorten sich bei den Lieblingsweinen häufen und bei denen, die du nicht magst. So kristallisieren sich deine „Go‑To‑Sorten“ heraus.
3. Beschreibe in deinen eigenen Bildern
Schreib nicht „rote Beerenfrucht mit moderatem Tannin“, wenn du innerlich „Sommer, Beerenkuchen, kein Pelz im Mund“ fühlst. Deine Bilder sind wertvoller als jedes Fachvokabular.
4. Spiele mit Kontrasten
Probiere bewusst zwei Weine hintereinander, die sich klar unterscheiden (leicht/schwer, frisch/warm, fruchtig/würzig). Kontraste schärfen dein Gefühl viel besser als fünf ähnlich gebaute Weine hintereinander.
Die Essenz: Dein Weingeschmack ist nicht das, was ein Weinkritiker sagt, sondern das, was dein Hirn immer wieder freudig erkennt.
Fazit vom Weinweib
Nach zehn Degustationen musst du keinen Weinjargon aufsagen oder fachsimpeln können. Aber du kannst:
- deine Lieblingsrebsorten benennen,
- deine No‑Go‑Aromen erkennen,
- auf einem Etikett sehen: „Das könnte mein Wein sein.“
Und wenn du bei einer Assemblage „bäää“ denkst, ist das kein Fehler, sondern eine Einladung, genauer hinzuschauen: Welche Traubensorte schickt dir da gerade ein klares „Nein danke“? Dein Hirn weiss meist längst Bescheid – du musst es nur noch übersetzen.
