An unseren Tagen dort im Juni zeigte sich die Stadt von ihrer grosszügigen, heissen Seite: 37°C am Abend und einer leichten Brise, die mir bizzi die Haare zerzauste und die Gedanken beflügelte. Für mich die ideale Temperatur. Normalerweise pfeift hier der Cierzo – berüchtigter Wind vom Ebro – unbarmherzig durch die Strassen. Im Sommer ein heisser Föhn, im Winter kühlt er auf eisige Kälte, die selbst den passioniertesten Weintrinker in das nächste Café treibt. Doch an diesen Tagen: Sommer pur, lebenslustig – wie die Menschen hier.
Zaragoza hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Nicht nur wegen der monumentalen Bauwerke, sondern vor allem wegen seiner Atmosphäre. Es gab sie wirklich, diese magischen Momente: Ein paar Croquetas hier, einige Tapas da und natürlich jede Menge Geheimtipps von Carolina („Probier noch eine Croqueta, die sind wirklich gut, aber meine Mutter macht sie noch besser!“).
Wenn man durch Zaragoza schlendert, wandert man auf den Spuren ganzer Völker, die hier gelebt, geliebt und gestritten haben. Die Römer nannten die Stadt Caesaraugusta: Ein Ort voller stolzer Monumente und Theater, in dem einst Togaträger debattierten, Garnacha probierten und feierten. Fast wie wir heute, nur mit Sandalen statt Sneakers und Rhetorik statt Instagram.
Dann kamen die Araber und hinterliessen ihren ureigenen Zauber: Sie bauten Paläste, schufen eine Festung direkt im Zentrum und brachten ihre elegante Baukunst in die Stadt. Die Mudejar-Architektur ist ein wunderbares Erbe dieser Zeit, in der Kulturen nebeneinander lebten. Manchmal leise, manchmal laut. Christen, Araber und Juden – sie mischten ihre Geschichten, manchmal sanft und rund, manchmal kräftig und ungestüm.
Und natürlich darf man die stolzen Könige Aragoniens nicht vergessen! Ihre Geschichten sind überall: In den alten Mauern, in den prächtigen Palästen, im Wein und selbst in den Legenden, die noch heute durch die Gassen flüstern.
Ganz besonders intensiv war mein Besuch in der Basilika, mitten in der Kathedrale, wo Nuestra Señora del Pilar thront. Dieser Ort ist so viel mehr als ein Bauwerk, er ist eine Quelle von Kraft, Trost und Hoffnung, seit Jahrhunderten für Menschen aller Glaubensrichtungen. Die Legende erzählt, dass Maria dem Apostel Jakobus hier erschien und ihn ermutigte, an seiner Mission festzuhalten. Sie hinterliess den berühmten Pfeiler (el Pilar) als Symbol der Stärke und Beständigkeit und genau darum pulsiert in dieser Basilika eine tröstende Energie, die einen wirklich berührt. Man muss nicht religiös sein, um von diesem Ort überwältigt zu werden; allein die Atmosphäre, das sanfte Licht, die kleinen Gebete und das Staunen der Pilger sind wie eine Umarmung fürs Herz. Wäre ich allein da gewesen, ich hätte wohl hemmungslos geweint, so sehr macht dieser Ort etwas mit einem.
Dort wird auch die „cinta de la medida de la Virgen del Pilar“, ein feines Band aus Baumwolle, etwa 40cm lang, das exakt der Höhe der verehrten Figur entspricht, verkauft. Die Bänder sind in verschiedenen Farben erhältlich und tragen das Bild der Virgen und die Aufschrift „Medida de Nuestra Señora del Pilar“. Viele tragen sie am Handgelenk, knüpfen sie an Kinderwagen, hängen sie ins Auto oder an die Tasche – immer als Zeichen von Schutz, Liebe und Trost für die Träger. Die Farbe kann zwar beliebig gewählt werden, doch das Band selbst symbolisiert die Verbundenheit mit der Schutzpatronin von Zaragoza und Aragón.
Berührend war, dass jeder in unserer Gruppe von der wunderbaren Aitana eine solche „cinta de la medida de la Virgen del Pilar“ bekommen hat. Ein kleines Band, das viel mehr ist als ein Souvenir, ein Zeichen von Schutz und Verbundenheit, das man tatsächlich spürt. Danke nochmals dafür!
Und dann schlendert man wieder durch El Tubo, vorbei an lebenslustigen Menschen und weiss: Diese Stadt bleibt ein wilder, sonniger Sehnsuchtstraum mit Croquetas-Frieden und Garnacha-Glück, den ich immer wieder schmecken möchte, am liebsten mit einem Hauch Geschichte, einem Baumwollband am Handgelenk und viel Weinweib-Spirit im Gepäck.

